Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1884)
- Date
- 1884-11-01
- Page
- Seite 250 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Und es wandeln auf den Mauern, Die die Stadt als Schutz umfassen, Jung und Alt in froher Laune, Leichten Sinnes, muntern Sanges. Auch ein Wandrer, der gekommen Aus entfernten nordischen Landen Mischt sich schnell in das Getümmel, Froh und leicht und unbefangen. Doch als er dem Jesusthore In dem Strudel war genahet, Da beschlich ihn eine Wehmut Und es stockte ihm der Athem. Und er zog sich aus der Menge, Auf dem weiten Plan zu rasten — Wie ein rührendes Geheimnis Schien der Platz ihn anzustarren. Still versunken sann und sann er Längst verschollener grauser Tage — Als er endlich sich gewendet Fiel sein Blick auf einen Alten. Saß gebückt auf einem Steine, Welchem dunkles Moos entwachsen, Saß auf seinen Stab sich stützend, Niemand in der Nähe ahnend. Mitleid regte die Gestalt an In dem Herzen unsres Wandrers, Ohne lang zu überlegen, War er leise ihr genahet. Wie? so einsam? fragt er traulich, Während Lust vereint die Andern? Oder drängt dich Leid und Kummer Frohe Kreise zu verlassen? Fast erschrocken lauscht der Alte, Mustert lang den Unbekannten — Fester schließen sich die Lippen, Die verschmachtet und verblasset. Deine Züge, sprach nun weiter, Theilnahmsvoll bewegt, der Wandrer, Scheinen jenen mir so ähnlich, Die ich sah in fernen Landen. Sags nur gleich, erwidert heftig, Der versunken war im Harme, Sags nur gleich, ich sei ein Jude, Sprößling des verflllchten Stammes! Sags nur gleich, ich sei Chueta, An mir sichtbar wird die Strafe — Noch im siebzigsten Geschlechte Wird der Väter Schuld geahndet! Nicht doch, rief der Fremde bittend, Sanft des Alten Arm erfassend, Erfurcht füllet meine Seele, Denke ich an deine „Klasse". Mir erregen tiefstes Mitleid Jene vielgehetzten Armen, Die verfolgt ob ihres Glaubens Tot und alle Schmach bestanden. „Ja, es waren große Helden, Die an dieser Stätte starben! Schau! an dieser Stätte war es, Wo geblutet meine Ahnen. An der Spitze Balls, der Rabbi, In der Hand die Kreuzesfahne, Raphael Taronji folget, Tragend des Erlösers Banner. Und wie beide schreitet mutig Catalina, ach die Arme, Diese Anmut, diese Zartheit Soll dem Feuertod verfallen! Auf der Stätte angekommen Schleudert weit von sich das Banner Raphael Taronji und er Stürzt sich in die hellen Flammen. Bald jedoch hört man ihn jammern, Fürchterlich und grausig jammern, Als die Schwester er erblickte, Wie sie känipfte mit den Flammen. Diese aber rief mit Jubel: Auf, mein Bruder, nicht verzage! Sing' mit nur das Lied des Ewigen— Und sie sangen: Sch'ma Israel! Stumm allein verblieb der Rabbi — Eine selt'ne Feuerfackel Haucht er aus die reine Seele — Und ich trage seinen Namen —" So berichtet der Chueta. Thränen fließen von den Wangen, Und nach einer stillen Pause Blickt er auf zum fremden Wandrer.