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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-11-01 · Heft 11 (1.11.1884) · p. Seite 247

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 11 (1.11.1884)
Date
1884-11-01
Page
Seite 247 (sequence 5)
Language
German
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247 Nischmath-Sieb von der ganzen Gemeinde gesungen wird, unterbricht mit einem Male ein feierliches Schweigen den Gesang. Sir -Moses ist in die Vorhalle getreten und wird von seinem Lakaien seines Oberrockes entledigt, die Gemeinde erhebt sich vollzählig von den Sitzen, um ihn würdig zu empfangen. Trotz der Last von 97 Jahren schreitet er hochaufgerichtet in stattlich majestätischer Haltung mit seiner alle überragenden Gestalt, nur auf seinem Stocke gestützt, würdig und gemessen seinem Sitze zu, jede freundliche Unterstützung wolwollend, würdig und entschieden ablehnend. Er nimmt seinen wollenen Betmäntel um, und der Gottesdienst wird fortgesetzt. Nach dem Abschluß drängt sich alles an ihn heran, um ihm einen guten Sabbat zu wünschen, für jeden hat er ein liebes freundliches Wort, er übersieht und vergißt niemand. Selbst die anwesenden Damen harren in der Vorhalle seines Austrittes, um ihn zu grüßen, und jeder fühlt sich glücklich, dem er seinen Gruß oder ein freundliches Wort oder eine Artigkeit, die er stets zur Hand hat, zugewendet. Als er das Gotteshaus verlassen hatte, wartete sein Diener beim Ausgang auf vr. Loewe und brachte ihm, seiner Familie und seinem Schwiegersöhne, dem anwesenden Gast Rev. vr. Kurrein, ehemaliger Rabbiner von Linz, die Einladung zum zweiten Frühstück bei Sir Moses- Nach der üblichen Benediktion (Kiddusch) über den Wein, die er aus seinem Nebenzimmer anhörte, denn der Gang in die Synagoge — er wird auf einem Tragsessel hin- und zurückgetragen — hat ihn doch schon angestrengt und ermüdet und er will ein wenig ausruhen, — wird der Becher mit Wein ihm gebracht, er trinkt davon und sendet ihn der Tischgesellschaft zurück, welche er den Freuden des Males überläßt, bis sie mit dem Tischgebet schließt, das er wieder von seinem Zimmer aus mitanhört. Hierauf bittet er die Gesellschaft zu sich und unterhält sich im geselligen Gespräch mit ihr, wobei die Geistesfrische und die Gedächtnisstärke dieses Greises, bewunderungswürdig erscheint, denn er erinnert sich genau der scheinbar unbedeutendsten Einzelheiten, die er bei jedem vor Jahren wahrgenommen und ein guter Rat, ein wolwollendes Wort wird an alles geknüpft. Nach einer Stunde entläßt er in leutseligster Weise seine Gesellschaft und zieht sich zu einem Schläfchen zurück. Fühlt man bei jedem Worte, bei jeder Bewegung von ihm den feinen gewandten Weltmann, den echten Hofmann, so bekommt es doch niemand seiner Umgebung zu fühlen. Man wird durch den Zauber seiner Persönlichkeit festgebannt, wer man auch immer sei. Nachmittags zwei Uhr ist die Sabbat-Nachmu-Predigt, welche vr. Loewe nicht in der Synagoge, sondern in dem „Sir Moses and Lady Judith Montefiore’s Theological College“ abhalten wird. Es erübrigen zwei Stunden, uns mit diesem Gebäude vertrant zu machen. Es ist eine der großartigsten und freigebigsten Stiftungen Sir Moses zur Pflege des Talmudstüdiums und des rabbinischen Wissens, gegründet 5627 (1867). Auf dem Besitztume Sir Moses nicht weit von der Synagoge erhebt sich ein Häuserkomplex, bestehend aus zehn in englischer Weise gebauten und eingerichteten selbständigen Häuschen für ebensoviele Rabbiner zur unentgeltlichen Benützung bestiinmt. In der Mitte befindet sich ein größeres Haus, das die Aufschrift in hebr. Sprache trägt: Ohel Moscheh Wihudith und in engl.: „Sir Moses and Lady Judith Montefiorc’s Theologieal College.“ Hier soll Thora gelernt und auch gelehrt werden. Der untere Teil enthält eine riesige Bibliothek, welche alle Werke, die zum Talmudstudium notwendig sind, birgt; aber auch alle Werke neuerer Zeit, die auf's Judentum Bezug haben und von den Autoren Montefiore zugesendet werden, finden da ihren Platz. Die Bibliothek ist auch Studiersaal. Im oberen Teil ist ein Saal für

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