Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1884)
- Date
- 1884-11-01
- Page
- Seite 246 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Schrifttum, der fürstliche WoltHüter, der unausgesetzt mit offener Hand seine Geld- und Goldsäcke nach allen Himmelsrichtungen, nach allen Ländern und Erdteilen den Menschen ohne Unterschied des Glaubens und des Standes ausstreut. Lesen wir in der jüdischen Geschichte von Chisdai ben Isak, der als Minister das Talmudstudium durch Ankauf und Verteilung von zahlreichen Talmudexemplaren, und das Aufblühen der neu-hebräischen Poesie förderte; ferner von Samuel, dem Fürsten, der Grammatiker, Dichter und Gelehrte um sich schaarte und durch seine Reichtümer die Sorge und des Lebens Notdurft ihnen benahm und sie ihrem geistigen Streben überließ; und endlich von Samuel von Toledo, der die noch heute als Sehenswürdigkeit aufgesuchte ehem. Synagoge, (j. Kirche) in Toledo erbauen ließ, so begreifen und verstehen wir das erst in Ramsgate in der Nähe Sir Moses; hier sehen wir mit eigenen Augen das im glänzendsten Abendsonnenschein erleuchtete letzte spanisch-jüdische Rittertum, das leider kein Gefolge im übrigen Europa findet. Zur Illustration des Gesagten diene die Schilderung eines Sabbat-Nachmu (der 1. Sabbat nach dem Gedenktage der Zerstörung Jerusalem's), den ich im Jahre 1881 in Ramsgate verlebte. Schon von einiger Entfernung winkt die durch Einfachheit, durch Mangel an irgend einem Stil Aufmerksamkeit erregende Synagoge, die trotz der großen an der Westseite angebrachten europ. Turmuhr etwas orientalisches an sich trägt. Sie ist auf dem Grund und Boden Sir Moses' von ihm erbaut und eingerichtet und wird sammt deren Funktionären von ihm allein erhalten. Noch ehe man in diese tritt, füllt ein kleiner Bau mit echt orientalischem Gepräge auf; und der Eingeweihte erkennt hier die Nachbildung des Grabes Rahels, welches Sir Moses seiner Zeit restauriren ließ. Die Thüre ist geschlossen. Tritt man durch die geöffnete Thüre, so erblickt man eine kleine Kappelle, worin die sterblichen Überreste der seligen Lady Judith Montefiore ruhen. Ein großer Marmorsarkophag steht auf der linken Seite, der Deckel des Sarkophags trägt die große eingegrabene und in Gold ausgeführte Inschrift, das Epitaph der Verstorbenen, über dem Haupte an der Wand ist eine Tafel mit dem Seelengebet angebracht und von der Rose der Deckenwölbung hängt ein Lämpchen, das am Jahrestage, am 1. Rosch ha Schana, das Seelenlicht trägt. An den Seitenwänden sind Sitze für die Betenden angebracht. Ungefähr zehn Schritte von da ist die Synagoge. Schon beim Eintritte verkündet sich die durch reichlichere Teppiche und stärkern Lichterglanz bemerkbare Auszeichnung des heutigen Sabbats. Eine feierliche Stille herrscht da, jeder Eintretende begiebt sich auf einen der freien Plätze, die unentgeltlich jedermann überlassen werden, denn nur für Sir Moses, Dr. Loewe und drei Rabbiner giebt es feste Plätze. Pünktlich beginnt der Gottesdienst, und das Wunder, das noch immer nicht überall zu Stande gebracht wird, vollzieht sich hier im spanischen Ritus nach ältester Form von selbst. Es herrscht vollkommene Ruhe, weihevolle Andacht, nicht nur ästhetische, sondern man möchte sagen skrupulös höfische Etiquette, wie an spanischen Höfen. Vom Vorbeter wird hier eine einfache Melodie intonirt und das Volk singt in schönem anmutendem einfachen! Gesänge ohne Unordnung, ohne wüstes Geschrei, ohne jegliche Störung. In diesem Ritus wird wenig recitiert, das meiste vom Volke gesungen, nicht geschwatzt und geplaudert, und bevor das letzte Schlußwort ausgesungen, verläßt niemand seinen Sitz oder das Gotteshaus. Besondere Melodien verkünden den Besuchern heute den ausgezeichneten Sabbat. Der Morgengottesdienst verläuft in der üblichen Weise. Doch als das