Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1884)
- Date
- 1884-10-01
- Page
- Seite 238 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Einige Jahre später trat ein Sohn dieser Familie in die Militärschule von Saint- Cyr. Derselbe wird — nachdem er als Zuavenkapitän bei Malakow schwer verwundet worden war' — morgen am 14. Juli die Truppen Revue passiren lassen, und zwar in seiner Eigenschaft als Divisions-General. In derselben Familie befinden sich zwei Kommandeurs der Ehrenlegion, ein Offizier und zwei Ritter dieses Ordens. In der ersten Sektion des Generalstabs sind zwei Prozent der Offiziere jüdischer Konfession, in anderen Ressorts findet sich ein ähnliches Verhältnis. Seit die Juden emanzipirt sind, haben sie auf allen unseren Schlachtfeldern ihre Ehrenschuld abgetragen. Auch außerhalb der regulären Armee haben sie während des letzten Krieges ein zahlreiches Kontingent an Freiwilligen gestellt. So erinnern wir an den Juden Franchetti, der an der Spitze der „freiwilligen Eclaireurs" der Seine den Heldentot gefunden. Dem gegenüber müssen doch endlich die Vorurteile verstummen." — Herr Prof. Dr. v. Döllinger in München, der sich schon früher abfällig über den Antisemitismus aussprach, hat in der Akadenlie der Wissenschaften einen Vortrag über Spanien gehalten und betonte, wie seit der Austreibung der Juden im Jahre 1492 dem Lande der größte Schaden kam, wie der Handel seit jener Zeit darniederliege, das Land entvölkert und der Boden entwertet sei. — In Zala-Egers;eg wurden wegen antisemitischer Unruhen am 27. Juli 43 Angeklagte verurteilt. Die Hauptanführer Franz Stemer, Stephan Gereuczer und Salomon Bali erhielten 7, 5 und 4 Jahre Gefängnis. — In itsja Ösjlar schreitet man zum Umbau der berühmt gewordenen Synagoge. Karl Cökvds schreibt „die Ruine ist ein Zeuge der häßlichsten Leidenschaften, sie erzählt von der Wut und von dem Hasse jener wilden Rotte, welche Gotteshäuser entweiht und Heiligtümer zerstört-die Ruine verkündet die Schande unserer Zeit — — der wiederaufgebaute Tempel soll ein Denkmal werden für Jahrhunderte, aber nicht ein Denkmal des Hasses und der Schande, sondern ein Denkmal zum Ruhnie des ungarischen Richterstandes. Auch ein bedeutender Teil der ungarischen Geistlichkeit verdammt den unheilvollen Antisemitismus, wie die im Keßpriner evangelischen Distriktual-Konvent Augsburger Konfession gefaßte Resolution bezeugt, „daß der Konvent den mit den erhabensten Prinzipien der Brüderlichkeit und Gleichheit und also auch mit den Grundsätzen der evangelischen Kirche Augsburger Konfession, d. i. Lutherische Kirche, in Widerspruch stehende Antisemitismus, insofern er in der Erweckung und Aufreizung zum Stammes- und Konfessionshasse sich offenbart und insofern er zur Jnsultirung von Bürgern, welcher Konfession immer, führt, entschieden verurteilt und verdammt." — In Galifien ist der Antisemitisnius im Steigen begriffen, wozu nicht wenig die Presse beiträgt, die fortwährend den Haß schürt. — In Walanlra fanden am 19. Juli Judenkrawalle statt. Die Synagoge wurde erbrochen, Thorarollen zerfetzt. Es war ein blutiger Kampf, bei dem es an Toten und Verwundeten nicht fehlte. — Auch in Rußland fanden am 3. August im Dorfe Dubrovitzky Judenhetzen statt, bei denen zwei Juden und ein Christ umkamen. Die Juden sollen sich wacker verteidigt haben, überhaupt nimmt in Rußland den neuesten Berichten aus Kanino, ÄeKaterinoslam, Rjeschin und anderen Orten zufolge das bittere Gefühl gegen die Juden an Heftigkeit zu und befürchtet man ernste Judenhetzen im Süden. Kutais im Kaukasus ist ebenfalls der Schauplatz einer Judenhetze gewesen, die beinahe in einem allgemeinen Massaere der jüdischen Einwohner des Platzes geendet hätte, wegen eines vermißten christlichen Kindes, das glücklicherweise von der Polizei noch rechtzeitig ermittelt wurde. Dagegen wird von anderer Seite berichtet, daß die höchsten katholischen Würdenträger in