Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1884)
- Date
- 1884-10-01
- Page
- Seite 237 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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237 Es sollen leben die Herren von Sein! — Doch nicht in Berlin! — In Jerusalem!" In Ztargardt wurde der in der Affaire Cybnla für schuldlos erklärte Iosephsoh« am 4. Juli, als er in die Stadt kam, von einigen Arbeitern unter dem Ausrufe „Verdammter Hund! Verfluchter Jude! Du sollst sterben!" durch mehrere Messerstiche erheblich verletzt. — In London wurde ein Deutscher, der nach einein Juden mit Steinen warf, unter denr Rufe „Tod den verfluchten Juden," zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. — In Nauheim kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Bade-Direktion und einigen christlich gesinnten Kurgästen, die im Inseratenteil der Kurliste gesellige Zusammenkünfte annoncierten. — Die Ex-Kaiserin Eugenik, welche in Karlsbad weilte, ließ sich von dem jüdischen Arzte Dr. London behandeln, obwohl nian wissen will, daß ein Geistlicher, mit welchem die Dame viel verkehrt, sie aufmerksam gemacht haben soll, daß er ihr einen tüchtigen christlichen Arzt beschaffen könne. Auch Napoleon hatte einen jüdischen Leibarzt, Dr. Connaud, der mit nach Wilhelmshöhe ging. — In Lanenbnrg sprach der Herrenmeister des Johanniter-Ordens, JJrinj Albrecht von Preußen, gelegentlich der Eröffnung eines neuen Krankenhauses zu dem anwesenden Rabbiner die Worte „In Krankheitsfällen hört jeder Unterschied der Konfessionen auf." — Ans Wien meldet man, daß Frl. von Schönerer, eine Schwester des bekannten Antisemiten gleichen Namens, der in Begleitung seiner Genossen im September nach Troppau geht, um dort eine große Versammlung abzuhalten, 500 Gulden für die armen auswandernden Russen gespendet hat. — Wie im „Militürwochenblatt" zu lesen ist, ist dem Premierlieutinant Liebermann von Honneuberg der Abschied bewilligt worden. Auch in der Provinz Wellkale» haben ehrbare' und angesehene Bürger dem antisemitischen Agitator den Abschied gegeben, indem sie freimütig gegen denselben auftraten, so in Bochum, Dortmund nnd Witten. Durch solche würdige Kundgebungen der Bessergesinnten wird der Friede gefestigt und der Feindschaft ein Damm gesetzt. — In einer in Wolfenbiittel bei Zwißler erschienenen Schrift „Das Gefängnis der Juden" von M. Dergedorf wird die Herstellung des christlichen Staates als das einzige Mittel bezeichnet um Heil zu bringen. Der Geist Lessings, der über Wolfenbüttel schweben sollte, durchweht diese Schrift gerade nicht. — In Ssimrgh in Ungarn wurden auf dem israelitischen Friedhofe nicht nur die Grabsteine verwüstet, sondern auch Leichenschändung getrieben nnd in Parkany bei Gran kam es am 17. August zwischen Bauern und Juden zu einem Excesse. Es mußte Militär aus Gran requiriert werden, welches die Excedenten auseinandertrieb. — In Malmö trat ein Geistlicher Namens Polin gegen die Juden niit Heftigkeit auf, wie man aus den Schwedischen Blättern ersieht, die die Versicherung geben, daß Schweden kein Boden für derartige Bestrebungen sei. — Auch in Rio de Janeiro ist Antisemitismus anzutreffen. Der Inspektor der Schulen legte sein Amt nieder, als eine von ihm zur Anstellung empfohlene Lehrerin zurückgewiesen wurde, weil sie, wie der Minister von Brasilien erklärt, eine Jüdin sei. — In Belgien ist es trotz des am Ruder befindlichen klerikalen Ministeriums den Antisemiten nicht gelungen, für ihre Sache Propaganda zu machen, denn das weitere Erscheinen eines antisemitischen Blattes wurde schon bei Ausgabe der ersten Nummer behindert. — „L’Armeö Francaiae“ schreibt in der Nummer vom 13. Juli anläßlich der in Algier stattgehabten Jndenkravalle: „Vor fünfzig Jahren fanden im Elsaß Jndenkravalle statt und man hielt damals die Juden für unfähig, die Waffen zu tragen. Um jene Zeit (1832s flüchtete eine stark mitgenommene jüdische Familie aus einem Dorfe am Oberrhein und siedelte sich in Paris an. 21*