Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1884)
- Date
- 1884-10-01
- Page
- Seite 232 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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232 rechten Zeit geübt werden, in zartester Form und mit Berücksichtigung der früheren Verhältnisse des Verarmten. Maimonides zählt acht Stufen der Mildthätigkeit auf. Die höchste Stufe ist, dem Armen kräftig durch Rat und That, durch Arbeitgeben oder Darlehen derart beizustehen, daß er sich selbst wieder aufhelfe. Die zweite, wenn beide, Wohlthäter und Empfänger sich nicht kennen, auf daß der erste nicht geringschätzig auf den letzteren herabsehe oder Dank erwarte, und dem Dürftigen eine Demütigung erspart bliebe. Die dritte Stufe, geringer als die zweite, wenn der Spender den Armen kennt, die vierte, wenn umgekehrt der Empfänger erfährt wer sein Wohlthäter ist. Die fünfte, wenn man dem Armen mit offener. Hand zuvorkoinmt, die sechste, wenn man erst dem Verlangen des Dürftigen nachkommt. Die siebente, wenn inan ihm zwar in freundlicher Weise die Gabe reicht, aber die Wünsche des Armen nicht ganz ersüllt, die letzte, niedrigste Stufe ist, wenn man sie ihm in beleidigender Weise reicht. Es werden uns herrliche Beispiele und Musterbilder der Wohlthätigkeit vorgeführt. In Hiob heißt es: „Ein Vater >var ich dem Dürftigen, ein Auge dem Blinden, ein Fuß dem Lahmen." Als er in seinen Leiden seufzte und rief: „Habe ich den Hungernden nicht gespeist, den Durstigen nicht gelabt? Habe ich mein Brot allein verzehrt, genoß keine Waise davon?" Da erscholl eine Gottesstimme, so erzählt die Sage: „Milthütig warst du, doch noch nicht wie Abraham. Du saßest zu Hanse, er suchte den Wandernden auf, du sättigtest einfach die Hungrigen, er aber achtete auf ihre frühere Lebensverhültnisse, dem an Brot Gewöhnten gab er Fleisch, dem au Fleisch Gewöhnten dazu noch Wein" (Abot d. R. N. Kap.). Schöne Muster der Mildthätigkeit hat iusbesouders der Talmud aufbewahrt, der schon deshalb von der Nehme seiner Feinde losgesprochen zu werden verdient. Ma r U k b a, ein Talmudlehrer, unterstützte einen armen Nachbar auf folgende zarte Weise. Er legte täglich auf das Schloß seiner Hausthüre vier Sus, ohne daß der Arme erfuhr, wer dieselben heimlich hiugelegt hatte. Der dankbare Einpfänger wünschte aber einst, den edlen Spender kennen zu lernen. Er versteckte sich daher hinter der Thüre und lauerte bis zum Abend. Mar Ukba kam wie alle Tage und legte das Geld an den bestimmten Ort. Als er sich entfernte, bemerkte er, daß der Arme ihm nacheilte, da beschleunigte Mar Ukba seine Schritte und sprang schließlich, um nicht erkannt zu werden, in einen noch warmen Backofen, in dem er sich verbrannte. Etwas übertrieben war der Edelmut Hillels I., der einem Verarmten, der früher in sehr günstigen Verhältnissen gelebt hatte und Wagen und Diener zu halten gewohnt war, ein Pferd und einen Diener zur freien Verfügung überwies und einmal, als er keinen Diener für ihn zu beschaffen vermochte, selbst den Diener machte und einige Meilen ihn begleitete (Midr. Rab. Lev. 34). Als einst ein Mann öffentlich und prahlerisch Almosen verteilte, rief ihm Rabbi Janai zu: „Es wäre besser gewesen, du hättest nichts ansgeteilt, als in so auffälliger Weise die Dürftigen zu beschämen" (Chagiga 5). Die gegenwärtigen Feinde der Juden haben deren hohen Wohlthütigkeitssinn dadurch zu bemängeln gesucht, daß sie behaupteten, sie seien aus Ehrgeiz so freigiebig. Wir sehen, daß, wenn der Eine oder der Andere diesen Vorwurf verdiente, er durchaus nicht im Sinne des Talmud gehandelt hat. Uebrigens wenn der Ehrgeiz, der, ein allgemeiner Fehler der Menschen, diese zu allem Guten und Bösen antreibt, der nach Kronen, hohen Chargen und Titeln strebt und blutige Schlachten erregt, nichts Schlimmeres vollführte, als mildthätige Herzen zu erzeugen, dann, dächte ich, dürfte man mit dieser angeblichen Untugend der Juden zufrieden sein. Der Talmud billigt