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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-10-01 · Heft 10 (1.10.1884) · p. Seite 226

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 10 (1.10.1884)
Date
1884-10-01
Page
Seite 226 (sequence 8)
Language
German
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226 — Das öaöykonische Mt und das Jahrhundert nach demfekven mit besonderer Berücksichtigung auf die retigiöse Entwicklung des Judentums. Von vr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Teplitz. (Fortsetzung.) Zudem wirkten noch andere Umstände mit, die den Verfall dieser großartigen Epoche herbeiführen mußten. So lange der Schwung der Rede zündete und der Pinsel der Propheten mit Meisterschaft das große Gemälde der Zukunft in den lebendigsten Farben malen konnte, hörte das Volk gern in Schmerz und Leid die frohe Botschaft von einer schöneren Zeit; sobald aber die verheißene Zeit eingetreten war und bei weitem nicht den idealen Vorstellungen entsprach, die im Herzen des Volkes genährt wurden, mußte auch notwendigerweise das Ansehen der Propheten sinken. Zu dem gewann allmälig die T h o r a t M o s ch e im Gegensatz zu der Thora der Propheten immer mehr Boden im Volksleben. Nicht vergeblich war das letzte Wort des letzten Propheten gewesen: „Gedenket der Thorat Mosche, meines Dieners, die ich ihm geboten am Horeb für ganz Israel!" Je mehr aber das geschriebene Wort an Bedeutung und Ansehen gewann, desto mehr sank der Wert des freien Wortes, in dem die Kraft der Propheten lag. Allein die ganze Richtung des Prophetismus war wenig geeignet, die Zukunft des Volkslebens zu begründen. Je idealer der Gedanke, je abstrakter die Anschauung, desto weniger ist sie für die Masse geeignet, die in dem Ringen nach dem Ideal leicht auf Irrwege gerät und sodann mit dein inneren auch das äußere Leben verliert. Die großartige Universalität der weltuild menschenumfassenden Gedankenwelt des Prophetismus für die Zukunft der Menschheit war für das Volk nicht faßbar und so konnte sich z. B. gerade aus der Verheißung der Propheten von dein „Eingehen der Fülle der Heiden" leicht jener verhängnisvolle Zustand, den Esra bei seiner Ankunft in Jerusalem vorfand, und der das ganze religiöse Leben des Volkes für die Zukunft in Frage stellte, entwickeln. So hatten es die natürlichen Verhältnisse herbeigeführt, daß der Prophetenmund verstummte; der breite Strom des freien, aus der Begeisterung für Volkswol und Herzensfrömmigkeit quillenden Wortes, war eingedämmt; allein er hatte nicht ganz anfgehört, er nahm nun einen andern Charakter an. Strömte er früher brausend über Steingerölle hinweg, so vertiefte er sich jetzt mehr, um in dem fest aufgeworfenen Bette sicherer einherströmen zu können. Der Soferismus, später Rabbinismus genannt, ist nichts anderes, als die Fortsetzung des Gedankenfadens, den der Mosaismus und Prophetismus für das Gewebe der Geschichte des jüdischen Geistes ausgenommen, ist nichts anderes, als die Entwicklung der Thorat Mosche zum Erbgute folgender Zeiten und Geschlechter in den verschiedensten Lebensverhältnifsen, als die Anpassung der alten Lehre an das ewig junge Leben in allen Zonen und Klimaten, unter allen Völkern, in allen Ländern. Allerdings ist es unleugbar, daß das Judentum durch den Rabbinismus ein in mannigfacher Beziehung vom Prophetismus verschiedenes Gepräge erhielt; allein das ist die natürliche, unabänderliche Folge wahrer Gedankenarbeit! Denn die Verwirklichung eines gegebenen Gedankens kann und darf nicht, vorausgesetzt

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