Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1884)
- Date
- 1884-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Wenn er seiner Abstammung oder seinem Bekenntnis nach der jüdischen Religion angehört, so macht das seine Schuld wahrlich nicht leichter, vielmehr schwerer. Darf aber die Feindschaft, die ein solcher Mensch sich zugezogen, auf seine Religion und deren unschuldige Bekenner übertragen werden? Niemand kann ja ein Verbrechen begehen als Jude. Der Mörder, Dieb, Betrüger ist, während er tötet, stiehlt und betrügt kein Jude, denn er befindet sich ja in Auflehnung gegen seine Religion, die ihm das verbietet. Wenn also unsre Feinde nur die Schuldigen hassen, so stehen wir ganz auf ihrer Seite. Feindschaft gegen Fremde, unbekannte Personen läßt sich bis zu einem gewissen Grade entschuldigen, weil sie auf ein natürliches Gefühl sich zurückführen läßt. Was wir zum ersten Male sehen, besonders wenn es etwas Abstoßendes in seiner Erscheinung hat, bringt eine Scheu in uns hervor, wir vermuten etwas für uns Gefährliches dahinter. Kinder fliehen jeden Fremden, einen Feind in ihm wähnend sind sie ihm feind. Solange nun Israel als Nation unter Nationen stand, konnte der Nationalhaß, der sich in keiner Nation völlig unterdrücken läßt, Platz greifen; denn alles Nationale hat etwas Naturwüchsiges und alle Natnrarten stehen feindlich einander gegenüber. Kann diese Fremdheit aber jetzt noch der Grund sein, warum Juden Feinde haben? Seit mehr als 2000 Jahren giebt es kein Land der alten Welt und später auch der neuen, in welchem nicht Juden gewohnt haben. Ihre Gestalt, ihre Gesichtszüge haben nicht nur nichts Fremdartiges, sondern tragen den Normaltypus der Menscheugattung. Ihre Lebensweise, Sitten und Gebräuche haben niemals die Öffentlichkeit gescheut, nicht blos dem Volke liegen sie vor Augen, sie sind auch von den Gelehrten aufs kleinlichste erforscht und unschuldig und unschädlich befunden worden. Ihre Schriftwerke sind in alle Sprachen übersetzt. Und wenn davon den Nichtjuden noch Etwas unbekannt ist, so ist das wahrlich nicht die Schuld der Juden, denn diese sind eifrig bemüht, die Kenntnis derselben soweit wie möglich zu verbreiten. Kann man also uns nicht als Fremde ansehen, so sehen noch weniger wir, in irgend einem Volke, mit dem wir zusammenleben, Fremde. Wir sprechen ihre Sprache, studieren ihre Geisteserzeugnisse, kleiden uns in ihrer Tracht, ergreifen dieselben Erwerbszweige, Ackerbaus Handwerk, Kunst und Handel. Wir haben mit ihnen ein gemeinschaftliches Vaterland, das wir lieben, ein gemeinschafliches Landesoberhaupt, dem wir Ehrfurcht und Gehorsam erweisen, gemeinschaftliche Gesetze, die wir heilig halten. Wo giebt es da noch Etwas Fremdes, Entfremdendes zwischen uns und unfern nichtjüdischeu Mitbürgern? Wahrlich, den Vorwand uns nicht zu kennen, haben unsre Feinde nicht! Sollte wol Neid der Grund der Feindschaft gegen uns sein? Wir Israeliten denken nicht so niedrig, nicht einmal von unsren Feinden, daß wir ihnen diese gemeinste, verabscheuungswürdigste Gesinnung zurechneu sollten. Wir können sie weder für so schlecht, noch für so dumnl halten, daß sie in uns nur Verzehrer und nicht auch Ernährer sehen sollten, daß sie nur unseren Magen und nicht auch unsre Arme und Köpfe zählen sollten, deren doch keine Staatswirtschaft zuviel haben kann. Andrerseits sind ja auch unsre Zustände gar nicht so beneidenswert, wenigstens nicht beneidenswerter, als die aller übrigen Landesbewohner. Sollte es dennoch Neid sein, der uns Feinde schafft, so können wir ihnen nicht helfen. Der Neid findet ja nicht eher Ruhe, als bis der Gegenstand, der ihn hervorgerufen, aus der Welt geschafft ist. Den Gefallen können wir ihnen nun nicht thun, uns freiwillig aus der Welt