Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1884)
- Date
- 1884-10-01
- Page
- Seite 223 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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223 was einer seiner Sänger vor Jahrtausenden: „Ach, wie lange wohnte meine Seele beim Feinde des Friedens! Ich, der Frieden — und so ich rede — sind sie auf Krieg aus." Als Israeliten haben wir den Versöhnnngstag gefeiert, er galt zunächst uns. Wir wollten an demselben lernen und üben, und ich hoffe, wir haben gelernt und werden üben — Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung, daniit wir anfgeben die Selbstsucht, uns hingeben für das Wol Anderer. Und diese Andern sollten nicht etwa ausschließlich Glaubensgenossen, sollten alle Menschen sein. Wir sind jetzt im Begriffe, unsren Versöhnnngstag zu schließen, und werden diesen Grundsatz als festen Vorsatz mitnehmen ins Alltagsleben, in die bürgerliche Gesellschaft. Was werden wir da antreffen, wem begegnen? Wol weiß ich und schütze mich glücklich es sagen zu können, wir Israeliten in dieser Stadt, selbst in diesem Lande werden — soweit mir das öffentliche Leben bekannt ist — nirgends Haß autreffen, nirgends Feinden begegnen. Aber verschweigen kann ich nicht, und ihr wißt es gewiß auch schon, daß dem nicht also ist in allen Ländern unsres Erdteils, daß in uns benachbarten Staaten, die sich einer freisinnigen Verfassung, deren Bürger sich einer vorgeschrittenen Bildung rühmen, Vereine sich gebildet haben, die sich unverhohlen zum Haß gegen Israel bekennen, als Feinde der Inden öffentlich auftreten. Wir wären gewiß schlechte Israeliten, wenn wir vor dieser offenkundigen Thatsache Augen und Ohren verschließen und so thun wollten, als ginge sie uns gar Nichts an. Es gehört zwar nicht an diese Stelle zu überlegen, zu beraten, ob etwa und welche Schutz- und Trutzmittel gegen solche Feinde anzuwenden wären. Das bleibe den Verständigen des öffentlichen Rechts überlassen. Wol aber hat der Wortführer der Religion ihre Bekenner zu belehren, wie sie eine solche traurige Erscheinung aufzunehmeu und sich gegen dieselbe zu verhalten haben. Und ich glaube unsren Versöhnungstag nicht würdiger beschließen zu können, als mit der Erfüllung dieser Pflicht. Daß Israel Feinde hat, kann uns nicht überraschen, es hatte deren schon seit seinen« Bestehen — „ach lange schon «vohnte ineine Seele beim Feinde des Friedens". — Aus dem Umstande aber, daß Jemand Feinde hat, kann noch nicht geschlossen werden, weder auf seine Würdigkeit noch auf seine Unwürdigkeit. Diese hängt ab von dem Gr««nde, aus welchem die Feindschaft entstanden ist. Nach diesein Grunde müssen «vir also fragen. Jemand kann Feinde haben, weil er es verschuldet, «veil man ihn nicht kennt, weil man ihn beneidet, weil man ihn sich überlegen fühlt. Prüfen wir, welcher dieser Gründe uns Israeliten der Gegenwart Feinde Hervorrufen kann. Die Feindschaft der Sch««ld ist eine «volverdiente: Wir haben für den angefeindeten Schuldigen kein Wort der Lossprechung, nicht eininal der Entschuldigung, wir können ihm höchstens unser Mitleid zuwenden. Wer Haß aesä't hat, der mag Feindschaft ernten. Wer den Menschen Böses zufügt, sie an «hrein Leben beschädigt, ihr Eigentuin sich widerrechtlich aneignet, sie an ihrer Ehre verletzt, der soll es büßen, soll von Haß und Verachtung getroffen werden.