Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1884)
- Date
- 1884-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Feind und Widersacher, sondern als ein treubesorgter, liebreicher Freund, der nur unser Bestes will, führt der Herr seinen Streit gegen Israel; wie ein Vater, der das unfolgsame Kind mit Strenge zurückweist, um es zu bessern und dann noch größere Liebe ihm zu beweisen, so will der Herr durch ernste Rüge und Zurechtweisung uns zur Erkenntnis unserer Sündhaftigkeit führen, zur Besserung unseres Lebenswandels anleiten, um dann die Herrlichkeit seiner ewigen Gnade uns kundzuthun, die Schätze seines himmlischen Erbarinen uns zu öffnen und in seiner väterlichen Liebe neuen Segen für die Zukunft lins zu verheißen. Dem großen, heiligen Tage, der die Botschaft des göttlichen Heiles uns kündet, uns aufnimmt in den Bund der Versöhnung mit unserem Gotte, soll daher eine Zeit der inneren Läuterung und geistigen Auferweckung vorangehen, in der wir unserer höheren Bestimmung uns erinnern, die wir im gewöhnlichen Leben so oft vergessen. Wohlan denn! der Kampf beginnt, die Posaunen des Weltgerichtes ertönen! Israel, vor deinem Gotte sollst du dich rechtfertigen! beuge dich in Demut vor dem Throne seiner Weltenmacht, beuge deinen trotzigen Sinn, von deinem Eigendünkel lasse ab, öffne der Wahrheit deine Seele, banne die Bosheit aus deinem Herzen, verscheuche die Lüge aus deinem Geiste, aus deiner Niedrigkeit ringe zur Höhe reinen unb edlen Strebens dich empor! Siehe, dein Gott ruft, dein Schöpfer naht, dein Erlöser lebt! Nicht soll Unrecht gesehen werden in Jakob, nicht Frevelthat in Israel, die Gegenwart Gottes soll ihm stets nahe sein, die Herrlichkeit des Ewigen in seiner Mitte nie entweiht werden und der Mahnruf des großen Weltenrichters, der der König aller Herrlichkeit ist, da stets Gehör finden und Anklang in den Herzen. Heil uns, wenn dem so ist, Heil dem Volke, das Verständnis hat für die Mahnrufe des Herrn, die zu stets erneutem höherem Geistesleben es erwecken, für die Gottesstimmen, die die ewige Wahrheit ihm verkünden! es wandelt auf den Pfaden des Lichtes dahin, auf den Bahnen göttlichen Heiles! Warum (tot Israel Ieinde? Rede am Nachm, des Versöhnungstages gehalten in der Meisel-Synagoge zu Prag von Dr. A. Stein, Rabbiner und Prediger.*) Ach, wie lange wohnte meine Seele bei dem Feinde des Friedens! Ich, der Frieden — und so ich rede — sind sie auf Krieg aus. Erschrecket nur nicht meine Lieben vor diesem geharnischten Worte (Ps. 120, 6. 7.), das euch vielleicht wenig geeignet scheint zu einem Schlußworte für den Versöhnungstag! Zu eurer Beruhigung lasset mich vorweg sagen: Das „Ich" in diesem Satze soll nicht meiner, des Redners Person ausdrückeu, auch nicht diese Synagoge, nicht die Prager Genieinde, ja nicht einmal die Jsraelitengemeinden unsres engern Vaterlandes; sondern das Ich, das der h. S. im Sinne hatte mxb auch ich jetzt meine, ist das Judentum als Gesammtheit, als Religionsbund. Dieses aber zu vertreten, für dieses einzustehen ist Sache eines jeden ehrlichen Israeliten. Das Judentuin kann aber heute noch sagen, *) Unser leider zn früh dahingeschiedener gesinnungstnchtiger Mitarbeiter hat diese Rede in der ersten Zeit der antisemitischen Bewegung gehalten. Red.