Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1884)
- Date
- 1884-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Und ist nicht solche Einbildung, Verblendung und Selbsttäuschung, solche Lässigkeit und Verstocktheit, die ein höheres nicht aufkommen läßt und nur dem Verfalle die Wege bahnt, nicht gerade dem Israel der Gegenwart so zur Gewohnheit geworden, daß es das Verständnis für seine göttliche Sendung inmitten der Menschheit verloren, seiner Lehre, die sein Lebensgeist und sein eigenstes Wesen sein soll, sich fast gänzlich entfremdet hat? Sehen wir nicht, wie da an das Heiligste und Erhabenste der Maßstab gemeiner Nützlichkeit angelegt wird, als ob es nur um des irdischen Vorteils, der etwa daraus erwachsen kann, zu erhalten wäre? Sehen wir nicht, wie alles, was nicht auf ein sichtliches fjid hinauskommt, einen greifbaren Zweck aufweist, sofort für das irdische Leben seine Früchte trägt, in Israel misachtet und geringgeschätzt wird, als hätte der Mensch keine andere Bestimmung, als sich einen möglichst reichen Genuß des vergänglichen Erdendaseins zu verschaffen, als wäre jedes höhere Streben, das scheinbar ziellos ist, weil es über die Erde hinausgeht und zu dem Unendlichen uns erhebt, nichts weiter als Thorheit und leere Träumerei? Wird nicht in Israel alles Wissen nur darnach geschätzt, nur insoweit angestrebt, als es für Verschönerung des irdischen Lebens und für die Vermehrung von Annehmlichkeiten von Nutzen sein kann und haben da die Kenntnisse noch einen Wert, die nur die geistige Vervollkommnung, die innere Veredlung des Menschen zum Zwecke haben und in eine Welt höherer und weiterer reinerer Anschauung ihn einführen sollen? Ist es nicht die Klugheit, die Schlauheit, die Verlogenheit, die bei diesem Niedergange des höheren Geisteslebens gegenwärtig in Israel den Ton angeben will, so daß, je mehr sich einer auf die Künste der Fälschung und Schmeichelei versteht, je listiger und schlauer er.es anzufangen weiß, um die Herzen für sich zu gewinnen, desto mehr ein Erfolg ihm gesichert ist und ist es nicht wiederum der auf solchen Wegen erzielte Erfolg allein, nach welchem Verdienst und Würdigkeit bemessen werden? Was ist denn in dem heutigen Israel, dem alles gleich ist, wenn es nur greifbaren Erfolg hat und sichtlichen Vorteil bringt, überhaupt noch unmöglich? Hat Israel, das der Hort und Träger der göttlichen Lehre, der erhabensten Wahrheit, der geläuterten Menschentugend sein soll, denn noch Sinn und Herz und Verständnis für die hochheilige Sendung, zu der Gott uns berufen? Haben wir denn noch Judentum? haben wir Religion? O daß sie in unserer Mitte vernehmbar werden, diese Klänge der himmlischen Weisheit, und daß die göttlichen Mahnrufe wie Donnerstimme ertönten, die von Berg zu Berge wiederhallen und die Erde in ihren Grundfesten erzittern lassen, denn „einen Streit hat der Herr mit seinem Volke und Rechenschaft fordert er von Israel." Mein Volk, ruft der Herr uns zu, sag' an, was habe ich dir gethan, womit habe ich das an dir verdient, daß du deinen Gott vergessen, daß du meiner Lehre dich entfremdet, so schlaff, so träge geworden bist in der Erfüllung deines erhabenen Berufes, so tief herabgesunken bist von der Höhe des Lichtes, auf die ich dich hingestellt habe? Tritt her, antworte und stehe mir Rede! Wohl uns, wenn wir diesen Ruf nicht misachten, wenn wir dieser Gottesstimme Gehör geben, wenn sie unsere Gewissen erwecket und in unseren Herzen nicht verhallet; wohl uns, wenn sie die Einbildung und Selbsttäuschung verscheucht, in die wir bewußt oder unbewußt uns hineingelebt haben und anstatt der Stumpfheit und Schlaffheit der Gesinnung, in der die Blüte unseres Geisteslebens immer mehr dahinwelken muß, in Israel ein höheres Streben sich entfaltete, klares Verständnis, reger Eifer, edle Begeisterung für die Lehre des Judentums, die der Stamm unseres Heiles, die das Licht der Menschheit ist. Nicht als ein unerbittlicher, unversöhnlicher 20 *