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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-10-01 · Heft 10 (1.10.1884) · p. Seite 220

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 10 (1.10.1884)
Date
1884-10-01
Page
Seite 220 (sequence 2)
Language
German
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220 wir gewandelt, der Ziele, die wir verfolgt, der Bestrebungen, denen wir uns hingegeben, der Werke, die wir vollbracht, so bildet der Tag der Erinnernng, an dein wir über uns selbst Nachdenken, ans unsere höhere Bestiinmung uns besinnen und Einschau in uns selbst halten und in unsere innere Gedanken- und Gefühlswelt uns zurückziehen und von Neuem dessen eingedenk werden sollen, daß wir über unser Thun Rechenschaft zu geben haben vor dein ewigen Gott, den Wegweiser und die Vorstufe zu dein großen Gnadentag des Herrn, der die beseligende Botschaft seiner ewigen Huld und Liebe uns entgegenbringt, Versöhnung uns von Gott verheißt, Hoffnung und Leben im Lichte seiner unvergänglichen Gnade. Es ist ein langer Weg, den wir in der kurzen Zeitstrecke, die da von den beiden heiligen Gottesfesten begrenzt ist, zu durchwandeln haben, kaum möchten wir es wagen, ans der Niedrigkeit unseres zumeist nur über das Irdische ausgebreiteten Gesichtskreises emporzublicken zu dem Gipfel der Vollendung, den wir da in immer wachsendem Geistesschwunge erreichen sollen, aufzuschauen zu jenen leuchtenden Höhen, die in das Reich des Unendlichen hineinragen und ans denen wir zur Nähe Gottes uns erhoben fühlen sollen, allein was gehört denn mehr dazu als unser ernster Entschluß und fester Wille, der redliche Wahrheitssinn, der kein Falsch in und nebeil sich duldet und von jeder Selbstbelügung sich fern hält, die Offenheit, es sich einzugestehen, daß man wohl geirrt und gefehlt haben könne und der Mut sich loszureißen von der gewohnten Verderblichkeit und die Wege des Frevels zu verlassen, bessere Richtungen im Denken und Wirken einzuschlagen, zu beharren auf den Pfaden des Lichtes, der Tugend und der Wahrheit, das ganze Leben zu betrachten als einen Gang nach aufwärts, als eine Bahn des Lichtes, auf der nur von Stufe zu Stufe fortschreiten, immer weiter kommen, immer höher steigen, bis es uns denn zur beseligenden Gewisheit' geworden ist, daß Gott in uns lebt, daß er in unserem Herzen ein Heiligtum seiner Herrlichkeit sich anfgebaut, daß auf seine Gnade unser Heil gegründet ist und unsere Größe beruht in seiner Ehre? So gilt es denn, wenn uns die Feier dieser heiligen Festeszeit mehr als gewohnte Werkheiligkeit sein soll, wenn sie nicht mit dem kläglichen Zusammenbruche der erlangten Seelengröße, mit dem Rückfall in die gewohnte Niedrigkeit und Verworfenheit enden soll, zunächst der Einbildung zu entsagen, in deren Lichte alles, was wir gethan und vollbracht, lins gut und recht und rein erscheint, deni Eigendünkel, der uns die Geistesklarheit raubt und uns den Weg zur Selbsterkenntnis verschließt, jenem thörichten wahnhaften Trotze, der jeder besseren Einsicht sich widersetzt, der wie eine harte Eisrinde sich um das Herz lagert, so daß jeder Funke von Begeisterung für das Höhere, der da sich entzündet, sofort erlöschen, jedes Gefühl, das für das Göttliche erglüht ist, da allinählig erkalten muß und kein Lichtstral der wahren Lebensweisheit da hindnrchzudringen vermag, der aus dem blinden, düsteren Stumpfsinne, in dem es dahinbrütet, zu hellerer Anschauung, zu geistiger Lebendigkeit es erwecken könnte. Die Einbildung, daß alles so gut ist, wie es ist, ist der Hemmschuh jeder Entwicklung zuin Besseren. Verstocktheit kann keinen Fortschritt bewirken, mit Unvernunft gepaart, kann sie die getreue Dienerin der niedrigsten Bestrebungen werden, und tritt da noch die Böswilligkeit hiilzu, die da einen gar weiteil Spielraum hat, dann verwandelt sich die frühere Schlaffheit in einen blinden Eifer für das Verwerfliche, den man um so mehr zu fürchten hat, als er gar keine Schranke findet an bestimmten Grundsätzen, an denen man durchwegs festhält, und nicht gezügelt wird durch Einsicht, Wissen, Verständnis und Besonnenheit.

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