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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-09-01 · Heft 9 (1.9.1884) · p. Seite 216

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 9 (1.9.1884)
Date
1884-09-01
Page
Seite 216 (sequence 22)
Language
German
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210 sozialen Werte besprechen und rtteirit> gerade wegen der Judenfrage müsse. Man 'die weit- und heilsgeschichtliche Bedeutung Jsräels auf ihre gottgeordneten Grundlagen zurückführen. Man darf das Wort nicht überhören „das Heil koutiNt von den Juden" (Joh. 4, 22). Ein Volk wie Israel mit solch' tiefer Beanlagung, mit solch' großer Vergangenheit hat für das gesaiümte Völkerleben in Folge seiner monotheistisch ethischen und prophetischen Voraussetzungen eine ökumenische Geltung^ Dazu kommt noch der eminent soziale Charakter des mosaischen Gesetzes, der typisch große Grundzüge zur Lösung der sozialen Frage' enthalte. Die soziale Frage würde längst einer befriedigenden Lösung näher gekommen sein, wenn die gottgeordnete Substanz des mosaischen Gesetzes eine ernstere und gläubigere Beachtung gefunden hätte. Bei der vornehmen Geringachtung des alten Testamentes in großen Kreisen der sogenannten „gebildeten" Welt ist die Mahnung wohl berechtigt, daß wieder tiefere Blicke in die so reich gestillten Schatzkammern dieser Urkunden gethan werden. Der Wunsch kann nicht unterdrückt werden, daß doch unsere gesellschaftlichen Ordnungen von der Gerechtigkeit, Weisheit und Milde durchdrungen sein möchten, die in der mosaischen Gesetzgebung walten. Der Herr wolle eine große Persönlichkeit, einen sozial-reformatorischeN Luther tu Gnadett senden, der durch die Macht seines Geistes die finsteren Gewalten besiege, welche gottlos und glaubenslos den sozialen Knoten durchhauen wollen. Herr Lincker geht dann an die Betrachtung des Dekalogs und fährt fort: „Ich Jehova dein Gott." Großartigster aller sozialen Gedanken, der nicht von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren ist. Wann wird den Völkern der heutigen Christenheit die Höhe und Tiefe jenes ersten Wortes aufgehen, das der Herr in der sinaitischeN Wüste geredet? Einheit, Gleichheit und Freiheit bilden hier die Grundsäulen der Welt, ruhend auf der diamantenen Basis „Jehova dem Gott." Diese Säulen aufzurichten, ist so zu sagen der kategorische Imperativ. — Der ungarische Kultusminister Trefort sprach sich am 22. Juni vor seinen Wählern in prrschurg über den Antisemitismus also aus: Das Judentum ist eine der bedeutendsten welthistorischen Erscheinungen. Ueber die Welt zerstreut, übte es, der Civilisation der Völker entsprechend, auf dieselben eine verschiedenartige Wirkung aus. Vom Grundbesitze und vielen anderen Berufsgattungen ausgeschlossen, waren die Juden genötigt, sich ausschließlich mit Handel und Geldgeschäften zu beschäftigen. Als sodann der moderne Staat auf Grund der Gleichberechtigung organisirt wurde, verstand es sich von selbst, daß man die Juden mit denselben Rechten bekleiden müsse, welche die christlichen Landesbürger besaßen. Ob die sogenannte Emanzipation der Juden dem Lande und dem Judentum selbst zum Nutzen gereichte? Ich zweifle nicht, daß dem so ist, allein Verhältnisse, welche Jahrhunderte hindurch bestanden, verändern sich nicht niit einem Schlage, in Folge legislatorischer Maßnahmen. Ein Gesetz ist rasch anders gemacht, jedoch die Menschen mit ihren Neigungen und Gewohnheiten gestalten sich nur langsam um. Allein der Prozeß der Annäherung und Assimilation ist in Fluß gerathen, und er wäre rasch fortgeschritten, wenn der Antisemitismus nicht dazwischen gekommen wäre. Dieser ist eine geistige Krankheit, welche nur böse Folgen hat und haben kann, denn der Antisemitismus ist keine Bewegung gegen eine Rasse oder Konfession gerichtet — diese dient nur zum Vorwände — das Ziel des Antisemitismus ist eigentlich die Revolution und der Sozialismus oder vielmehr Kommunismus, das Land in steter Aufregung zu erhalten und die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung zu untergraben. Hierzu ist nichts mehr geeignet, als der Antisemitismus, wel-

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