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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-09-01 · Heft 9 (1.9.1884) · p. Seite 214

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 9 (1.9.1884)
Date
1884-09-01
Page
Seite 214 (sequence 20)
Language
German
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— 214 - Wohnungen, gießen Wasser in die Häuser und machen nebstdem auch von Steinen Gebrauch, wenn dies auch die Tradition nicht verlangt. Freilich können wir nicht aufhören zu betonen, daß die inneren Kulturzustände der Juden traurige zu nennen sind. Ein zwanzigjähriger Sohn hat, wie im „Hameliz" berichtet wird, am 9. Juni im Gouvernement Milna seine Mutter, Namens Heilper, die ihn zurechtwies, durch ein eisernes Gewicht getötet, das er im Zorn nach ihr geworfen. Dabei treiben in diesem Lande die Wunderrabbis ihr Unwesen und scheeren die heilige einfältige Heerde und fast bei jeder Rabbinerwahl liegen sich die Gemeindemitglieder in den Haaren. In Galizien und Polen bedarf das Judentum ebenfalls einer gründlichen Reform. In der größten Synagoge Lembergs hat bislang ein Käseverkäufer seine Waare feilgeboten und erst vom 11. Oktober ab wird sein Standort gekündigt. Viele Rabbiner Polens, mit dem Krakauer Kabbinat an der Spitze, haben es ans die russischen Sardellen, „Russen" genannt, abgesehen, welche sie zu essen verbieten, weil, nun weil die Brühe vermischt ist mit Weinessig! Von Kialistok wandern viele Juden teils nach Amerika teils nach Palästina aus, durch Hamburg allein nahmen im Monate Mai 1148 Juden ihren Weg nach Amerika. — In Algier brachen am 29. Juni große Unruhen gegen die Juden aus. Militär mußte einschreiten. — In LimeriK haben die Juden in Folge der stattgehabten antisemitischen Kundgebungen die Stadt nicht verlassen, wie viele Blätter fälschlich berichten. In Kierling bei Wien haben es die Bewohner dem Antisemiten v. Schönerer zu verdanken, der daselbst ein „Hinaus mit den Juden" veranlaßte, daß in diesem Jahre gegenüber 100 jüdischen Kurgästen im vorigen Jahre sich nur sechs, sage sechs, aufhalten. Mit schwerer Mühe bekommt man 5 fl. für ein Zimmer als monatliche Miete, für welches man früher 12—15 fl. erhielt. — Herr Uuglaiib, Redakteur der „Felda-Zeitung" in Kaltennordheim wurde auf Anklage des Landesrabbinates von Eisenach wegen Abdruckes von Stellen aus dem antisemitischen Witzblatte „Wahrheit" zu einer Woche Gefängnis und in die Prozeßkosteu verurteilt. — In Berlin wurde der Verleger der „Wahrheit" Albert de Gronssilier am 25. Juni wegen eines Aufsatzes „Luther für und wider die Juden" zu 200 Mk. event. 20 Tage Gefängnis verurteilt. — In Bonn wurde Herr August Maas; jnn., der ein Pamphlet unter dem Titel : „Die Jsaakiade oder der ewige Jude des 19. Jahrhunderts" herausgab, auf Anklage der Staatsanwaltschaft hi» wegen Aufreizung zum Klassenhasse und wegen Beschimpfung einer anerkannten Religionsgesellschaft von der Strafkammer am 6. Juni trotz des Gutachtens des Sachverständigen Herrn Prof. Gitdemeiltcr über den Schulchan Aruch, den er als die Grundlage des praktischen Judentums bezeichnete, zu 6 Wochen Gefängnis und wegen Preßvergehens zu 30 Mark und der Druckereibesitzer Johann Trapp wegen Beihülfe zu 3 Tagen Gefängnis und 30 Mark Strafe verurteilt. Die betreffenden Platten und Formen sollten außerdein vernichtet werden Es kam in der „Bonner Zeitung" zu Auseinandersetzungen über das abgegebene Gutachten Prof. Gildemeisters. Herr Dr. Philipp lon schrieb: „Joseph Karo, der Verfasser des Schulchan-Aruch, war ein Schwärmer und Fanatiker äußerster Art, der 40 Jahre an Hallucinationen und Visionen litt, die er für Wahrheit annahm. Wer nach dem Schulchan Aruch leben will, kann nicht leben, er kann nicht athmen, ohne eine Uebertretung zu begehen." Wozu mau den immens gelehrten Josef Karo, dessen Werk eine Fundgrube von Gelehrsamkeit ist, so herabsetzen muß, ist uns unerfindlich. Erkläre man es doch einmal rundweg, daß der Schulchan Aruch fiir uns keine religionsgesetzliche sondern nur religionsgeschichtliche

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