Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- Seite 206 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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206 wegt in seinen Lehrhäusern und diente seinem Gotte auf edlere Weise durch Wecken und Bilden des Geistes. Mit seltener Hingebung saßen die Rabbinen täglich von Früh bis Mittag auf dem Katheder und hielten sich für ihren Schweiß genügend belohnt, wenn sie eifrige und begeisterte Jünger fanden, die in ihren Bahnen weiter wandelten. Noch heute betrachten es viele fromme Rabbiner als unbesoldete Amtspflicht, als gottgefälliges Werk, Jünger zu Gottesfurcht, Erkenntnis und Tugend heranzubilden. Jeder mußte früher zum wenigsten die Bibel und die Religionssatzungen gelernt haben. Ein Talmudlehrer meint sogar, daß man als Unwissender nicht recht gottesfürchtig sein könne lAbot). Man ging von dem Grundsätze aus: Das Wissen zerstört nicht, sondern fördert die Religion. Es darf jedoch, soll es die Menschen wahrhaft veredeln, nicht blos eine einseitige Fachbildung sein, sondern es muß auch das Herz bilden, die Gesinnung adeln, auf das Gemüt wirken. Nicht einzelne Zweige der Wissenschaft, die noch keineswegs den Geist aus Beschränktheit und Vorurteil reißen, sondern neben diesen eine Durchbildung seiner moralischen Kräfte machen den gebildeten Menschen aus. Ein gebildeter sollte eigentlich nur der genannt werden, wer neben sonstigen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten eine tiefere sittliche Bildung besitzt. Hm Besondere» wird in Bibel und Talmud nachdrücklich die sorgfältige Pflege des Gerechtigkeits- und Wohlthätigkeitssinnes empfohlen. Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit sollen gewissenhaft, unbestechlich und ohne Unterschied der Abstammung, des Glaubens oder des Standes geübt werden. Man könnte sehr viele Bogen füllen, wenn man die Lehren, Verordnungen und Ermahnungen, init welchen die jüdischen Religionsschriften Recht und Gerechtigkeit, Wohlwollen und Mildthätigkeit uns einschärfen, zusammenstellen wollte. „Beuge nicht das Recht". „Erstrebe eine unbestechliche Gerechtigkeit". „Bevorzuge nicht den Vornehmen und unterdrücke nicht den Armen und Schwachen." „Schütze das Recht der Witwen und Waisen, der Einheimischen wie Fremden." „Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, der Witwen und Waisen beugt, und das ganze Volk spreche Amen" (Deut. 27, 19). „Thuet kein Unrecht im Gericht, gerechte Wege, gerechtes Gewicht, gerechtes Maaß." Denn Gott ist gerecht und liebt die Gerechtigkeit. Das sind Gebote, die in der Bibel häufig wiederholt werden. „Ans drei Säulen," ruft ein Talmudlehrer, „ruht die sittliche Weltordnung, auf Wahrheit, Recht und Frieden." Herrlich ist der Ausspruch unserer Weisen: „Zwei Begleiter hinterließ Abraham seinen Nachkommen: Die Gerechtigkeit und die Wohlthätigkeit, zu welchen Gott noch seine zwei, die Gnade und die Barmherzigkeit zugesellen ließ. Als Israel später der ersten zwei nicht achtete, entzog ihm Gott seine zwei. Beobachtet aber Israel seine zwei, Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit, so besitzt es auch die zwei letzten, Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Die Geieihtiglreit des Judentums sei aber nicht starres, schroffes, liebloses Recht, ohne Rücksichtsnahme auf die Verhältnisse und Zustände der Menschen, wie dies oft aus Misverständnis dem Judentum beigelegt wurde, sie sei vielmehr in Liebe getränkt. Schon der Ausdruck dafür in der Bibel: „Zedaka," der Beides, Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit, bedeuten kann, weist darauf, daß die Gerechtigkeit mit der Liebe verschwistert gehandhabt wurde. Es ist auch schon unzählige Male bewiesen worden, daß der harte Ausspruch: „Auge um Auge, Zahn um Zahn," nicht buchstäblich, sondern bildlich zu verstehen sei und eine entsprechende Entschädigung meint, und daß ferner, wenn von einem Gotte der Vergeltung die Rede ist, nicht ein Rachegott, sondern ein ge-