Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- Seite 205 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969712-2969722--1142-2971590- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'' T?* .tri %*?* ~ t ' 'r'Ä-/V/vv^*-’ - '' t" " - 'f ' i7M '»V^:-’'' $w>** ff *■*% P t w|rvya&-x» — 205 — von edlen Flüchtendes Geistes hielten. In tausend verschiedenen Wendungen prägen uns die Talmudlehrer den Wert und die Notwendigkeit der wissenschaftlichen und sittlichen Bildung ein. Nur bei demjenigen, der in der Jugend seinen Geist gebildet, dringen die Kenntnisse in Fleisch und Blut ein. „Das in der Jugend Gelernte ist wie Siegelschrift tief eingegraben." (Abot 4, 20 n. a. a. O.) Oeffne deines Hauses Pforte, Weisen zum Versammlungsorte, richte immer deine Schritte nach der Staubesspur ihrer Tritte, lechzend schlürfe ihre Lehren, stets bereit auf sie zu hören. (Abot 1, 4. Julius Dessauer.) Bildung und Wissenschaft kann aber nur durch Willenskraft, Uebung und Fleiß erworben werden. „Nicht oft" sagen unsere Talmudlehrer, „sind die Kinder der Weisen ebenso hochbegabt, damit man nicht glaube, daß sich auch Wissenschaft und Bildung vererben." (Nedarim 81.) „Wodurch bist du so gebildet geworden?" wurde ein Weiser gefragt. „Weil ich mehr auf Licht verausgabt habe, als andere auf Wein", war die treffende Antwort. Der Wetteifer im Studium wird der edelste Wetteifer genannt. (Baba Batra 21.) „Es giebt keinen größeren Reichtum als den der Erkenntnis und keine größere Armut als da, wo sie mangelt." (Kethubot 68.) „Wer Bildung mit Gottesfurcht und Tugend vereint, gleicht dem Meister, der sein Handwerkzeug nie vergißt." (Abot d. R. N. Kap. 29.) „Wo die Gottesfurcht der Bildung voraugeht, nur da hat diese Wert und Bestand." (Abot.) „Nicht in Worten besteht die Weisheit, sondern in Werken und edlen Handlungen." (Berachot 4 und Abot d. R. N. Kap. 12.) Echte sittliche Bildung gedeiht und verbreitet sich aber nicht blos durch das eifrige Streben des Menschen, sein Selbst zu vervollkonimnen, sondern kräftiger und segensreicher da, wo man über das Selbst hinausgeht und mit dem Segen der Bildung und des humanen Geistes die Nebenmenschen zu beglücken strebt. Die Selb st Veredlung finde ihre Bewährung und Erweiterung in der Menschenveredlung. Dies ist der sicherste Weg, uni dem Ideale des allgemeinen Menschentums immer näher zu gelangen. Die Propheten, besonders Jesajas, schwärmten von diesem Zukunftsideale, da die Menschen nicht böse, nicht feindselig gegen einander handeln, weil die Erde voll sein wird der Erkenntnis und Bildung, gleich wie Wasser den Meeresgrund bedecken. (11.) Unterweisung, Erziehung und Belehrung unserer Nebenmenschen gehören zu den Hauptgeboten unserer Religion. Ein Satz unseres täglichen Gebetes lautet: „Gieb uns ins Herz, o Gott, zu verstehen und zu begreifen, zu lernen und zu lehren." „Die Einsichtigen", heißt es in Daniel (12), „werden glänzen wie Hi»imelsglanz, die aber Andere gebessert, wie die Sterne immer und ewig." „Größer ist das Verdienst dessen", sagt ein Talmudlehrer, „der die Menge zu edlen Thaten veranlaßt, als dessen, der sie selbst übt." (Baba Batra 9.) Wie sehr die Lehre von der Menschenveredlung in das Fleisch und Blut des israelitischen Volkes gedrungen, nicht blos theoretisch gutgeheißen, sondern praktisch bethätigt wurde, das zeigt die sehr erfreuliche Thatsache, daß vom ersten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung an bis in die Gegenwart hinein die Lehrsäle der Rabbinen zu unentgeltlichem Unterrichte offen standen. Seit der Entstehung der berühmten Hochschulen in Babylonien und Palästina hörte das Lernen und Lehren im Judentum nicht auf. Die Lehrhäuser waren oft von einer nach Tausenden zählenden Jüngerschaar gefüllt. Mochten die Vandalen und Gothen die Herzen erbeben lassen, mochten die Schaaren der Kreuzzüge weit und breit Schrecken und Angst verbreiten und den Boden mit Blut tränken, oder die Scheiterhaufen der Jnquisitionsgerichte zur Ehre Gottes Menschen quälen und verbrennen, Israel saß ungebeugt und unent-