Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- Seite 204 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Der Mensch soll nicht blos einseitig seine Kräfte entwickeln, nicht blos in Wissenschaften, Künsten und Fertigkeiten seine Stärke und seinen Stolz suchen, sondern in einer gründlichen Durchbildung aller Anlagen, sowohl der Seele als auch des Herzens, des Verstandes wie des Gefühls, besonders in der beharrlichen Übung der sittlichen Kraft. Denn nicht ein Volk, welches nur Künste und Wissenschaften pflegt, hat Bestand und Dauer, Beweis dafür sind die Griechen, auch nicht ein Volk, unter dessen Tritte die Erde erzittert, weil es mit Gewalt, wie die Römer, die Staaten, nicht die Herzen erobert, sondern das Volk allein, welches Zucht und Ordnung, Sitte und Tugend, Religion und Gewissen als edelste Waffen im Kulturkämpfe führet, das allein hat festen Bestand. Die Erziehung soll die so geartete sittliche Bildung eifrig erstreben. Auf welche Weise? Die sittliche Bildung soll der Mensch zunächst erstreben durch unausgesetzte, sorgfältige Selbstveredelmig. Wie ernst das israelitische Volk von Anfang an die Selbstveredelung auffaßte, beweist der Umstand, daß es gleich nach der Befreiung aus Egypteil solche Gebote angenommen, die noch heute die Grundgesetze aller zivilisirten Staaten bilden, daß es damals schon, als noch überall Kastengeist, Sklaventum und Klaffen- und Rassendünkel wie eine ewige Krankheit von Geschlecht zu Geschlecht sich forterbten, die Milderung der Sklavengesetze und sehr weise, die niedrigen Klassen berücksichtigende Acker- und Armengesetze gut geheißen hatte. Einige biblische Gebote weisen ferner mit Nachdruck auf Unterricht und moralische Erziehung hi». Dem Vater wird die religiöse wie sittliche Selbstvervollkommnung wie die Erziehung seines Kindes wiederholentlich ans Herz gelegt; wie der Jude die Liebe nicht blos im Munde führen, sondern sie „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit großer Opferfähigkeit" bethätigen soll, so müsse er auch die Seele seines Kindes „früh und spät, beim Aufstehen und Niederlegen, zu Hause und auf der Reise" zu bilden und zu veredeln trachten. „Seid heilig, denn heilig bin ich, der Ewige euer Gott." „Ein Volk von Priestern sollt ihr mir werden." „Vollkommen stehet da vor eurem Gotte." Zahlreiche Lehren und Satzungen betonen die Heiligung und Läuterung der Seele und des Herzens und bezwecken eine auf Vervollkommnung abzielende sittliche Lebensführung. „Wende der Sittenlehre dein Herz zu, der Erkenntnis dein Ohr." (Spr. S. 23, 12.) „Wer Sitte liebt, liebt Erkenntnis" (das. 12, 1.) „Erwerbet Erkenntnis lieber als gediegenes Gold" (das. 8, 10). „Aller Weisheit Anfang ist Gottesfurcht" (das. 35, 33). Nicht weniger ernst empfahl später die talmudische Zeit dem Israeliten die Selbstveredlung. Man kann sagen, noch ernster. Es klingt fast unglaublich, und dennoch ist es wahr, daß Israel wirklich ein Volk von Priestern geworden, in des Wortes edelster Bedeutung, von Priestern der Gelehrsamkeit. Kein Stand voin Fürsten (Nasi) bis zum Handwerker blieb unbeteiligt an dem Ausbau des Riesenwerkes, Talmud genannt. Der Forscher- und Sammelfleiß von über zwanzig Geschlechtern liegt darin aufgespeichert. Und es sind nicht blos Gesetzeserklärungen, Erweiterungen und Schranken, Verordnungen und Rechtsbestimmungen darin enthalten, sondern auch zahlreiche kernige Moralsprüche, markig ausgeprägte Charakter- und Sittenbilder, pädagogische Fingerzeige, Lehren über Zucht, Ordnung und Anstand, erziehliche Grundsätze einer echt sittlichen Bildung. Die gegenwärtigen Gegner des Talmud würden einen ganz andern Begriff von demselben empfangen, wenn sie nicht blos blinde Nachtreter früherer Judenfeinde wären, nicht nur die Stoppeln auflesen würden, um sie in alle Winde hinauszustreuen, sondern eine gründliche Umschau in dieser reichen Schatzkammer