Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- Seite 203 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 203 — dehnung als ein hohes von dem Menschengeschlecht mehr und mehr zu erstrebendes Ziel vorgeschwebt hat. II. Die Mittel und Wege, welche zur allmäligen Verwirklichung dieser Idee führen sollen, ergeben sich alle aus dem Satze, der trotz der scheinbar entgegengesetzten Erfahrung in unserer Gegenwart wahr und richtig bleibt: „Bildung macht human." Wenn wir dennoch viele sogenannte Gebildete in den Reihen unserer inhumanen Gegner finden, so besitzen sie eben die Bildung nicht, welche unsere Weisen verlangen, Thora mit vareob erez (Weltsitte). Diese vergleichen einen sogenannten gebildeten Menschen mit ungeziemendem Verhalten mit einem Palaste, aus dessen Mitte Unrat hervorscheint. (vereob erez Abschn. 3). „Es giebt keine Weisheit", sagen sie, „als die Weisheit des Sittlichen" (Abot d. R. Nathan Abschn. 28). „Gott will das Herz." „Ohne sittliche Grundlage hat die Gelehrsamkeit keinen Wert" (Abot 3>. Sie betonen also hauptsächlich die sittliche Bildung. Wer sich der Mühe unterzöge, eine Ethik des Judentums zu schreiben, der würde nicht nur eine schöne Blumenlese der gehaltvollsten Gedanken und Sentenzen, sondern auch anziehende Bilder sittlicher Hoheit und Gesinnungsgröße darreichen können. In den jüdischen Religionsschriften wurde niemals die Ethik des Judentums systematisch geordnet und gruppirt dargestellt, weil niemals auf den Verstand durch theoretische Unterweisung, sondern stets unmittelbar auf das Gemüt und die Gesinnung eingewirkt werden sollte. Die Sittlichkeit wird kurzweg als göttliches Gebot hingestellt. Die Kennzeichen der Sittlichkeit, die Liebe, die Milde, die Gerechtigkeit sollten aber nicht blos augenblickiiche Ergüsse einer edlen Gefühlswallung sein, die im nächsten Augenblicke wieder durch eine leidenschaftliche Gefühlserregung leicht in das Gegenteil Umschlägen können. Nach Lessing (in seinem Faustfragment) ist der Übergang vom Guten zum Bösen der allerschnellste Teufel, schneller als die Pfeile der Pest, schneller als der Gedanke, schneller als die Rache. Liebe und Gerechtigkeit sollen vielmehr feste Entschlüsse des freien Willens, der bewußten Menschenpflicht sein. So lange die Liebe noch von momentanen Erregungen, Stimmungen, sozialen oder politischen Zuständen abhängig ist, entstammt sie dem tierischen Teil des Menschen. Die tierische Liebe 'wird von Instinkt und Laune erregt; die bewußte Menschenliebe hingegen darf nichts gemein haben mit wechselnden Stimmungen. Sie muß hervorwachsen als Blüte und Frucht einer gefesteten und sittlichen Bildung, sie muß vorgedrungen sein bis zu der Anlage des Menschen, die ihn vom Tier unterscheidet, und von wo aus sie in bewußter Willensfreiheit sein Thun und Handeln leitet und beherrscht und in ununterbrochenem Fortschritte die Sitten adelt. Darum ist in der Bibel die Sittlichkeit gradezu geboten, ebenso geboten wie die Gesetze und Rechte. Die jüdische allgemeine Menschenliebe, als sittliches Hauptgebot, sollte nicht dem Belieben jedes einzelnen überlassen bleiben, sie gehörte zu den Pflichten der Religion. Das Gebot der Nächstenliebe steht deshalb in den mosaischen Büchern zwischen den bürgerlichen Gesetzen und strafrechtlichen Bestimmungen, um That und Gesinnung, Gesetz und Gesittung, Religion und Moral, Gebote des Rechts und Gebote der Sittlichkeit als gleichberechtigt und gleichverpflichtend hinzustellen.