Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969712-2969722--1139-2971587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
202 und Abweichungen von diesem Hauptgrundsatz des Judentums finden, wenn die Idee des allgemeinen Menschentums nicht überall in ihrer Reinheit und Klarheit hervortritt, so teilte diese, wie wir bereits erinnert haben, das Loos jeder Idee, beispielsweise der Idee der höchsten Tugend, der Einzigkeit und Urkörperlichkeit Gottes, die in der Wirklichkeit nie in ihrer Reinheit und Erhabenheit erstrahlten; aber es geht doch aus den angeführten Beispielen unwiderleglich hervor, daß das Judentum das Ideal der unterschiedslosen Menschenliebe in sich trug, und wenn irgendwo, so gilt hier das Wort: „In großen Dingen ist es genug, gewollt und begonnen zu haben." Bibel und Talmud wollten, wie es jedes zweckmäßige Erziehungsbuch thut, das israelitische Volk von Stufe zu Stufe, von den einfachsten Begriffen bis zur tiefsten Erfassung des Gottesgedankens, des Tngendbegriffs und der Hnmanitätsidee leiten. Daher finden sich auch hie und da neben den erhabensten, lautersten Lehren noch manche Ueberreste engherziger Anschauungen und Anordnungen, die als Ausnahmen und Konzessionen an schwächere Begriffe, frühere Gewohnheiten und Sitten, keineswegs aber als leitende Grundsätze zu betrachten sind. Wir erinnern hier an das herrliche Gleichnis vom Schulkinde, welches der Religionsphilosoph Bachja fdas auch Maimonides citirt] (Herzenspflichten 4, 4) anführt. „Gott benahm sich gegen das israelitische Volk", sagt er, „wie ein mitleidiger Vater sich gegen seinen jungen Sohn benimmt, wenn er ihn mit Sanftmut und Gelassenheit belehren will, wie es heißt (Hof. 11, 1): Ein Knabe ist Israel, und ich liebe ihn. Gesetzt, ein Vater wollte sein Söhnchen in Wissenschaften unterrichten, die ihn auf höhere Stufen bringen sollen, und er suchte ihn dazu zu überreden, indem er zu ihm spräche: Ertrage geduldig die Beschwerlichkeiten des Unterrichts, damit du einst zu jenen hohen Stufen gelangest, so würde er weder hierzu Geduld haben, noch ihm überhaupt Gehör geben, weil er dies nicht recht begreifen würde. Sagte er ihm aber sogleich etwas Angenehmes zu, eine Speise oder einen Trank, ein schönes Kleid, einen hübschen Wagen oder ähnliche Dinge, drohte ihm zugleich mit etwas Schmerzhaftem, als mit Hunger, Schlägen, und suchte ihm durch handgreifliche Beweise wegen des Versprochenen eine vollkommene Ueberzeugung zu verschaffen, so würde es dem Knaben leicht werden, die Mühe des Lernens zu dulden und die Aufgaben und Arbeiten zu vollführen. Erreicht er alsdann das Jünglingsalter, und sein Verstand erlangt die nötige Reife, so sieht er alsbald von selbst ein, was mit seiner Belehrung beztveckt worden, er richtet sein Streben jetzt ohne fremden Sporn auf den Unterricht und achtet jene Annehmlichkeiten gering, zu welchen er als Kind hingeeilt, und die blvs ans Mitleid ihm vom Vater gewährt worden waren. Ebenso verfuhr der himmlische Vater, wenn er gewisse Gebote und Lehren, durch sofortige Belohnungen und Bestrafungen, Hoffnung oder Furcht seinem Volke einzuschärfen suchte, weil ihm wohl bekannt war, daß, wenn das Volk in seinem Dienste Festigkeit erlangt haben wird, dann seine Unwissenheit schtvinden, es die Absicht rein und lauter erfassen und sich demgemäß betragen werde. Dasselbe ist in Hinsicht der in den heiligen Büchern vorkommenden, auf Körperlichkeit des Schöpfers und auf andere mangelhafte Anschauungen hindeutenden Ausdrücke der Fall." Doch Ausnahmen und Abweichungen, welche in der biblischen Zeit die Angriffe der feindlichen Nachbarvölker wie der rohe Götzendienst, in der talmudischen und rabbinischen die Verfolgungen und Bedrückungen verursachten, können die, wie ich glaube, genügend nachgewiesene Thatsache nicht erschüttern, daß dem Judentum von Anfang an die Zdre der Humanität, in ihrer weitesten Aus-