Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-09-01 · Heft 9 (1.9.1884) · p. Seite 201

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 9 (1.9.1884)
Date
1884-09-01
Page
Seite 201 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969712-2969722--1138-2971586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

201 worin sich sechs Jahrhunderte des Geistes- und Gemüthslebens Israels, seiner Freuden und Hoffnungen, Schmerzen und Leiden, Sitten und Gebräuche abspiegeln, und wo die verschiedensten Gedankenerzeugnisse jenes großen Zeitraums, Moralsprüche, Sagen, Satzungen, Anordnungen, Allegorien und Erzählungen aufgespeichert liegen, von einem einheitlichen Prinzipe, das wie ein rother Faden durch das Ganze ginge, keine Rede sein kann. „Es ist demnach kein Wunder", sagt ein bedeutender Historiker, „wenn in dieser Welt Erhabenes und Gemeines, Großes und Kleines, Ernstes und Lächerliches, der Altar und die Asche, Jüdisches und Heidnisches neben einander gefunden werden. Oft waren solche gehässige Aussprüche, an welche sich der Judenhaß auklammert, weiter nichts als Aeußerungen eines augenblicklichen Unmuthes, die einem Einzelnen entfahren und von allzu eifrigen Jüngern, welche keines der Worte von den verehrten Alten verloren gehen lassen mochten, aufbewahrt und dem Talmud einverleibt wurden. Sie werden aber reichlich von Lehren der Menschenliebe und des Wohlwollens gegen Jedermann ohne Unterschied der Abstammung und Religion, die ebenfalls im Talmud aufbewahrt sind, ausgewogen." Einer der frühesten und angesehensten Talmudlehrer, Hillel, stellte den Grundsatz auf: „Was dir nicht lieb ist/ das thue auch deinem Nächsten nicht; das ist ein Grundgesetz, von welchem alle übrigen Gesetze abgeleitet werden müssen'(Sabbat 31)." Andere Stimmen lauten: „Die Ehre deines Mitmenschen muß dir so lieb sein, wie die deinige (Abot 11. 15)." „Bemühe dich, die Handlungen jedes Menschen zum Guten auszulegen (das. 1, 6)." „Begegne jedem Menschen mit Freundlichkeit (das. l, 15)." „Die Frommen aller Völker haben Anteil an der Seligkeit lSynh. 105)." „Auch der Nichtjude, der sich mit der Gotteslehre beschäftigt, ist dem Hohenpriester gleich (das. 101)." „Jeder, der dem Götzendienst abhold ist, muß dem Juden gleichgeachtet werden (Megil. 13»)." „Man darf niemals durch Schein und Täuschung von sich eine gute Meinung bei den Mitmenschen, Juden wie Nichtjuden, erwecken (Megil. 94)." „Man soll gegen Jedermann, auch gegen die Heiden, mit dem Friedensgruß zuvorkommen (Berachot 17, 32, 62), den Frieden selbst mit Heiden Pflegen (Tauchuma Deut. 17)." Zum Psalm 15: „Wer darf, o Herr! in deinem Zelte wohnen, wer auf deinem heiligen Berge weilen? Der redlich wandelt, Recht ausübt, vom Herzen Wahrheit redet... Nie seinem Nächsten Böses thut, nie einen Nebenmenschen schmäht . . . Wer ohne Wucher Geld verleihet," bemerkt der Talmud (Makkot 24a): „Damit ist derjenige gemeint, der auch dem Nichtisraeliten leiht, ohne Zins,ju nehmen." „Feinde Israels hat es gegeben und giebt es noch, daß aber die Israeliten Feinde anderer Menscheu wären, ist undenkbar (Scheb. 35b)." Rabbi Akiba sprach: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist ein Kardinalsatz der israelitischen Lehre." Ben Asai aber sagte: „Dieses ist die Entstehungslehre des Menschengeschlechts, .. . das ist ein noch wichtigerer Grundsatz; denn darin wurzelt die gemeinsame Abstammung aller Menschen, die brüderliche Zusammengehörigkeit aller Söhne Adams" Alle Erdensöhne von einem Menschenpaar, Kinder eines Gottes, im gleichen Ebenbilde Gottes geschaffen, das sind deutliche Fingerzeige zur gegenseitigen Achtung und Liebe, Eintracht und Friedfertigkeit unter allen Menschenkindern, eine deutliche Verkündigung der Idee des allgemeinen Menschentums. Eine spätere Religionsschnft rechnet ausdrücklich zu den zehn Dingen, welche die zukünftige messianische Zeit kennzeichnen wird, die Harmonie unter allen Lebenden, die Menschenverbrüderung. (Midr. R. 131, 2.) Wenn wir nun auch im Talmud an verschiedenen Stellen Trübungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.