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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-09-01 · Heft 9 (1.9.1884) · p. Seite 196

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 9 (1.9.1884)
Date
1884-09-01
Page
Seite 196 (sequence 2)
Language
German
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196 der Naturwissenschaft, welche — nebstbei gesagt — noch allzusehr auf den Krücken det Hypothese einherhinken, vollkommen harmonirt, sondern ob sie als Fundament für das mosaische Moral- und Glaubensgebäude ganz geeignet sei? Denn nicht auf ihren physikalischen Inhalt, sondern, ausschließlich nur auf ihren religiös-ethischen Wert legt die biblische Lehre von der Weltschöpfung das entscheidende Gewicht. Wohl haben einige Ausleger') der heiligen Schrift, und das nicht ohne ziemlichen Erfolg, den Versuch genracht, den mosaischen Schöpfungsbericht zumal mit der geologischen Entwicklungstheorie* 2 3 4 * 6) in Einklang zu bringen. Allein, dieses allenfalls' hochachtbare Bestreben der sogenannten „Harmonisteu" kann sich blos auf die biblische Darstellung der Menschenschöpfung eines ziemlich wissenschaftlichen Gelingens erfreuen; bei dem Berichte von der Menschenbildung jedoch, der von der Darstellungsweise der übrigen Schöpfungsakte gänzlich abweicht, muß jeder Vermittluugs- und Vereinigungsversuch mit der sogenannten Darwinischen Entstehuugstheorie scheitern, weil gerade aus jenem Berichte es bis zur Evidenz hervorgehst daß die bibl. Schöpfungsurkunde nicht die Kosmologie, sondern nur die Theologie zuni Zu ecke hat, der sie zur festen Grundlage dienen will. Denn während die h. Schrift die mannigfaltigen Gestaltungen der Lichtkörper am Himmel, sowie der Tier- und Plauzeuwesen auf Erden blos durch das allmächtige Schöpferwort: „Es werde"") entstehen läßt, dem zu Folge man mit den „Harmouisten" wohl behaupten könnte, daß in den sechs biblisch. Schöpfunqstagen nicht sofort vollkommen entwickelte Tier- und Pflanzengeschöpfe, sondern nur ihre Urkeime geschaffen wurden, die daun einer tausend- und aber tausendjährigen Selbstentwicklung überlassen blieben Z, läßt sie das menschliche Wesen auf eine ganz andere Weise, nämlich von der Hand Gottes nach dessen Ebenbilde formen, und ihm einen belebenden Geistesodem''), *) Ranke F. Untersuch, üb. den Pentot. I. S. 86 f. Keil. Einleitung und Comment. der Büch. Mos. I. S. 1 ff. Vgl. auch Ersch u. Gräbers Enzyklop. d. Wisseusch. Art. „Schöpfung". 2) Vgl. Charles Lyell's „Prinzip der Geologie" (1880), nach dessen Vorgänge die Geologen Millionen von Jahren für die tellurischen Schöpfungsprozesse annehmen. 3) Genes. Kap. 1. 3. 4) Eine Ansicht, welche, nach vielen jüdischen Schrifterklärern, schon in Genes. II, 3 angedeutet wäre, indem das Wort laassot auf eine sich selber entwickelnde Thätigkeit der Wesen zeigt. 6) Die hebräische Sprache hat für: Leben, Seele, Geist, im Gegensätze zum todten Körper, drei Ausdrücke, nämlich N<fesch, Noschama und Ruacb, welche deutlich von einander zu unterscheiden sind. Ersterer bedeutet einfach ..animalisches Leben', das auch dem Tiere eigen ist und im Blute seinen Sitz hat. Es entspricht dem griechischen Worte: Psyche im erweiterten Sinne, wie es Aiistotoles definirt de Anim. 3, 8; und auch die Septuap. übersetzt Gen. I. 21, 30 gleich dem lateinischen „aninia“ wovon „animal“ Tier. Neschama ist die menschliche Seele, wie sie in organischer Verbindung mit dem menschlichen Körper denkt und fühlt. Das Tier hat keine Neschama, welche eben die Wesenheit des spezifisch-menschlichen Daseins ausmacht; in ihr sind, wie Rabus (Lehrb. der Logik S. 4) richtig bemerkt, Bewußtsein und Wille, Erkenntnis und Darstellung, Geist und Gemüt eins Vgl. auch Spr. Salom. 20. Ihr ist verwandt, was Aristot. Eth Nik 1, 4; 6, 12; vom griechischen Worte: Nus aussagt, entsprechend vielleicht dem lateinischen „ingenium“. Ruacli endlich bedeutet: von allem Körperlichen abstrahirten Geist, göttlichen Hauch, wie die Septuag. Gen. I, 2 übersetzt; pneuma theu und entspricht dem latein. Ausdrucke: Spiritus Ruacli gebraucht der Hebräer immer in Verbindung mit Adonai, also dem reingeistigen Wesen, oder wenn er das abstrakt Ideale, den Genius einer Sache oder Eigenschaft im guten und im bösen Sinne bezeichnen will. Der Ruach Adonai wird, so er in Funktion mit den körperlichen Menschenorgane tritt, zur Neschama, weshalb in Hiob 32, 8; so tiefsinnig gesagt wird: „Wahrlich Geist ist im Menschen und die allmächtige Seele" — zu der eben der Geist im menschlichen Organismus sich gestaltet — „macht ihn verständig"! Vgl. auch Jes. 57, 16, wo der abstrakte Geist Ruach neben Neschamoth „Menschenseelen" scharf betont wird.

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