Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1884)
- Date
- 1884-08-01
- Page
- Seite 177 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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177 die Geschichte dieser dichterischen Erzeugnisse, ihre historische Aufeinanderfolge, ihre Kunst- und Sprachformen waren quellenmäßig zu erforschen und darzulegen. Diese Aufgabe löste Zunz in drei Werken: „Die synagogale Poesie des Mittelalters" (Berlin 1855); „die Ritus des synagogalen Gottesdienstes" (das. 1859); „Literaturgeschichte der synagogalen Poesie" (das. 1865). Was Zunz in diesen drei Werken, die man als eine Art literarhistorischer Trilogie ansehen kann, geleistet, ließe sich nur aus rein philologischen Gesichtspunkten, durch Hinweise auf die innere und äußere Beschaffenheit des Materials, das den Gegenstand seiner Forschung und Darstellung bildete, kennzeichnen und beleuchten. Es waren versunkene oder in den verschiedensten Bibliotheken vergrabene Denkmäler, die Zunz hier mit aufopferungsvollem Fleiße an's Tageslicht gefördert und der Vergessenheit entrissen hat. In den: Vorwort zu dem letztgenannten Werke spricht Zunz den Gelehrten und Literaturfreunden seinen Dank aus, die ihn bei seinen Studien auf zwanzig Bibliotheken des In- und Auslandes durch ihr teilnehmendes Entgegenkonunen unterstützt haben. Das Werk selbst ruht auf dem Grunde von 500 durchforschten Manuskripten! Aber wie echte Wissenschaft niemals alle Beziehung zum Leben der Gesamtheit und zu den Wahrheiten, die alle Herzen bewegen, zu der Erkenntnis, die allen zugänglich ist, verliert, so enthalten auch diese drei rein gelehrten Schriften Zunz's, besonders die erstgenannte, Kapitel von allgemein menschheitlichem Interesse, Kapitel, die als Muster edler, populärer Darstellung gelten dürfen. Hatte ja Zunz neben den ideellen und geschichtlichen Entwicklungsmomenten auch die Quellen der synagogalen Dichtungen aufzudecken, welche unaufhörlich im Leben und Leiden des Volkes flössen. Von den synagogalen Dichtern aber gilt noch in einem andern Sinne das Goethe'sche Wort: „U»d wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide!" Und was waren das für Leiden, von welchen jene Dichter zu sagen hatten! Wie beklemmt es uns das Herz und preßt es uns Thränen ab, wenn sie uns sagen, was sie litten! „Wenn es eine Stufenleiter von Leiden giebt, sagt Zunz im Eingänge zu jenem herzbewegenden, .Leiden' überschriebenen Kapitel seiner .Synagogalen Poesie', so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen, die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" Ergreifend und erschütternd sind die Schmerzensrufe jener Helden, die Zunz uns in diesem Kapitel vernehmen läßt; es sind Schmerzenslieder, die wie Ströme von Thränen und Seufzern aus den Herzen der Gequälten und Gemarterten sich ergießen, aber dennoch wie erhabene Akkorde rauschen und zu Triumphliedern sich erheben, — zu Trinmphliedern des Geistes über tierische Roheit, der Glaubenskraft über die Macht des Todes, der Treue über die Versuchung, des Duldens und Leidens über die Verfolgung und den Haß. „Unter dem Drucke, lautet das zusammenfassende Urteil Zunz's über jene Dichtungen, entlud das edlere Gemüt sich seiner schönsten Säfte, die gepreßte Blume gab ihren Duft, und der Gekettete erscheint freier als sein Büttel." Mit dem letzten der drei genannten Werke — der Literaturgeschichte der synagogalen Poesie, zu der 1867 noch ein wertvoller Nachtrag erschienen, — gelangte die Zunz'sche Forschung auf diesem Gebiete zum Abschluß, und wir sind