Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1884)
- Date
- 1884-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 5)
- Language
- German
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175 meinen Grundsätzen, meinem Gewissen, ja selbst dem Wohle des Ganzen für angemessen erachtete, meine Predigerstelle niederzulegen und andere Felder aufzusuchen, woselbst ich nach Kräften und unbeeinträchtigt für meine Glaubensbrüder wirksam sein dürfte." Und er hat redlich Wort gehalten, der edle Zunz! Er hat sie aufgesucht die neuen Felder, die er wohl schon inzwischen angebaut hatte, auf denen er aber in den folgenden Jahren noch herrlichere Früchte zeitigen sollte. Nur eine kurze Zeit wirkte er noch einmal, etwa ein Jahrzehnt später, als Prediger in Prag. Sein Leben und seine hohen Geistesgaben blieben fortan dem Ausbau der Wissenschaft des Judentums gewidmet. Um zunächst eine neue materielle Existenz zu begründen, wurde er 1824 Mitredakteur der Speuer'schen Zeitung in Berlin und 1825 Direktor der daselbst neu errichteten jüdischen Gemeindeschule. So blieb denn Zunz zunächst in letzterer Eigenschaft und später, als Direktor des jüdischen Lehrerseminars in Berlin, (1840—1852) auch praktisch für das Judentum wirksam. Zunz's Thätigkeit als Redakteur der „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums," die der „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" herausgab, gehört schon mehr in die Sphäre seines engeren wissenschaftlichen Wirkens. Jener Verein hatte nur einen kurzen Bestand; er löste sich schon 1824 auf. Aber die drei klassischen Abhandlungen, welche Zunz in dieser Zeitschrift veröffentlichte, sichern jenem Verein ein ewiges Angedenken. Unter diesen war es die literarhistorische, biographische Abhandlung über „Sälomon ben Jsak, genannt Raschi," welche schon ihrem Gegenstände nach als für die Wissenschaft des Judentums epochemachend anzusehen ist. Für die Erforschung eines Literaturgebiets oder eines großen geschichtlichen Zeitraumes ist nichts wichtiger als die That der Gruppierung und Einteilung des Ganzen nach Epochen und Abschnitten. Dieser für die Geschichtsdarstellung erste Schritt ist im Erforschen des Ganzen der letzte. Die Epochen sieht nur, wer das Ganze bereits übersieht, und auch nur, wer solcher Arbeit sich bereits unterzogen, vermag eine einzelne, hervorragende Persönlichkeit im Verhältnis zu ihrer Epoche und zu den folgenden Zeiten zu erkennen und zu würdigen. Derartiges auf dem Gebiete der jüdischen Literatur hatte vor Zunz noch Keiner unternommen. Das jüdische Altertum und Mittelalter verschwamm dem Blicke seiner Zeit zu einem Chaos, und Zunz's Arbeit ivar es, welche die Behandlung der Schöpfungen des jüdischen Geistes aus der dogmatischen und systematischen Anschauung, die noch selbst den Gesichtskreis der Mendelssohu'schen Aufklärung einengte, in den Fluß der geschichtlichen Forschung brachte. „Es war wie ein Bergstrom, der gerade, weil er große Schwierigkeiten zu überwinden hat, umso erfrischender und belebender ist," sagt Geiger von der Wirkung dieser Arbeit in seinem Glückwunschschreiben au Zunz zu dessen siebzigsten Geburtstag (A. Geigers nachgelassene Schriften Bd. I. Seite 296 ff.) Geiger schildert auch daselbst die Spannung und Hoffnung, mit der er den weitern Arbeiten von Zunz entgegensah. Aber fast ein Jahrzehnt verging, ehe Zunz die hochgespannten Erwartungen erfüllte, ja übertraf. Erst 1832 erschien das bis zur Stunde unübertroffene, für alle, die mit jüdischer Wissenschaft sich beschäftigen, unentbehrliche Werk Zunzischer Forschung: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt.'* „Hier," ruft Geiger aus, „lichtete sich der wildvermachsene Wald der jüdischen Literatur, die Entwickelung durch die langen Jahrhunderte enthüllte sich dem geistigen Blicke, die innere Geschichte, wenn auch mehr angedeutet, befruchtete das Verständnis."