Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1884)
- Date
- 1884-08-01
- Page
- Seite 174 (sequence 4)
- Language
- German
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174 Gelehrsamkeit. Seine klassische Vorbildung für die Universitätsstudieu genoß er auf dem Wolfenbüttler Gymnasium, welches er neben der genannten Schule besuchte und bereits 1811 absolvierte. Er studierte alsdann in Göttingen (?) und Berlin vornehmlich Philologie. Hatte Zunz schon als Knabe den Boden Hamburgs betreten, wo trotz der merkantilischen Atmosphäre viel jüdische Intelligenz blühte, und manch heilsame Reform in der Stille tiefe Wurzel faßte, so befand er sich, zum Jüngling herangereift, und mit seltenen Talenten und mit seltenem Wissen ausgestattet, in dem Mittelpunkte der damaligen geistigen Bewegung des Judentums, in Berlin. Hier sollte Zunz seine Hingabe an die Hebung des jüdischen Geisteslebens zuerst bethätigen, aber auch bald seine hohen» männlichen Charaktereigenschaften, seine unbestechliche Wahrheitsliebe bewähren. Es war der Flügelschlag eines erneuten geistigen Aufschwunges, der sich hier nach der schnell vorübergegangenen Mendelssohn'schen Epoche zu regen begann. Jugenderziehung und das gottesdienstliche Leben der Gemeinde sollten zuerst seine Wirkung erfahren. Fast gleichzeitig wurden zwei Privat-Synagogen eröffnet, in denen den edleren und geläuterten, von altem Mißbrauch befreiten gottesdienstlichen Formen, eine Pflegestätte bereitet werden sollte. Es waren dies der sog. Jakobson'sche und Beer'sche Tempel. Und hier gehörte Zunz zu den geistig hervorragenden, später für das Judentum wirksame» Männern (Isaak Noa Mannheimer, Eduard Kley u. A.), die durch gottesdienstliche Vorträge jene Bestrebungen förderten. Aber bald sollten die Edlen erfahren, wie schwer dem Geiste sein endlicher Sieg gemacht wird. Der Jakobson'sche Tempel wurde bekanntlich schon nach zweijährigem Bestände (1813) aus höheren Befehl geschlossen, die neuere Richtung, als „Sektiererei" aufs strengste untersagt. Nur für wenige Jahre gelang es den fortgesetzten Bemühungen Beer's, vom Minister Hardenberg unterstützt, den Gottesdienst in dem Beer'schen Hause, welches für einige Zeit als Interims-Synagoge der Gemeinde gelten durfte, wieder zu eröffnen. All dieser „Neuen Israelitischen Synagoge" wurde Zunz 1820 als Prediger angestellt. Als auf Betreiben der Gegner auch diese 1823 geschlossen werden mußte, gab Zunz einen Band der daselbst von ihm gehaltenen Predigten heraus. Es braucht über die Gediegenheit und den innern Wert derselben kein Wort gesagt zu werden. Zunz ist in der Folge auch als „der Altmeister der jüdischen Predigt" bezeichnet worden. Was uns aber für die Kenntnis des Zunzischen Wesens in dieser Veröffentlichung von besonderem Werte ist, ist das Vorwort, das Zunz seinen Predigten vorausschickte. Was je einer großen, von heiligstem Streben für die Ideale eines edleren Menschentums und wahrer Religiosität erfüllten Seele an prophetischer Kraft und zündender Glut des Wortes, an schliierzlich bewegter, nur dem Psalmdichter eigener Klage entströmte, hat hier seineil Ausdruck gefunden; tragisch und doch versöhnlich stimmt die Lektüre dieses Vorwortes. Wo solches seelische Leben sich vor uns entfaltet, kann der Mensch nicht am Menschen, an dem Siege seines bessern Teiles verzweiflen. Zunz ividmet am Schlüsse dieser Vorrede seine Predigten nicht blos seinen ehemaligen Zuhörern, sondern auch „allen Freunden des alten Gottesdienstes, die Biedersinn und Frömmigkeit an denselben fesseln." Er widmet sie „der Jugend am Scheidewege." „Vielleicht", fügt er hinzu, „daß ich gewürdigt werde, Herzen dem Ewigen wiederzugewinnen, die getäuscht und verlockt sich von ihm abgewandt hatten. Und insbesondere widme ich sie der Aufmerksamkeit der Wenigen, welche, nachdem sie den Verfall der hiesigen Synagoge herbeigeführt und die Stimme der Wahrheit verachtet hatten, von häßlichen Leidenschaften gestachelt, durch ihre Kränkungen und ihren Aberwitz mich dahin brachten, daß ich es meiner Ehre,