Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 168 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Verbindung mit dem Prophetentum zuzusprechen. Simson und Samuel, beide sind Nasiräer, Richter und Volksführer; beide erscheinen aber auch als Vertreter bestimmter Phasen innerhalb des Volkslebens, denn trotz des gleichen Berufes erscheinen sie als völlig von einander verschieden. In Simson ist der Nasir der Heroenzeit dargestellt, in der Zeit des zersplitterten Stammlebens, da die einzelnen Stämme, gesondert von einander, um ihre Existenz mit den benachbarten Völkerschaften in beständigem Kampfe standen. Der Führer des Volkes ist Nasir, er steht an der Spitze des Volkes in jeder Beziehung, auch priesterlicher und prophetischer, wenn von einer solchen in dieser Zeit die Rede sein kann, aber nur seine materielle Kraft hebt ihn aus dem Volksrahmen heraus. Anders Samuel! Allerdings tritt auch bei ihm noch der Richter in den Vordergrund, wie es seine Abschiedsrede beweist (1. Sam. 12, 1 ff.), ja es ließen sich auch dafür Anhaltspunkte finden, daß er an der Spitze des Volkes in den Kampf zog (vgl. ib. 2,11); allein das Volksleben hatte sich allmählig durch Einigung der Stämme gekräftigt und die Kämpfe ini Innern drehten sich nur noch um die Führerschaft, die einzelne Stämme beanspruchten — der Nasir war jetzt nicht mehr der wilde Heros, er wurde der stille Führer, der Ratgeber des Volkes, wenn es sich an Gott wenden wollte (vgl. 1. Sam. 8, 20; 10, '20, 22; 14, 37 u. ö.). Und diese Versittlichung des Volksführertums zum Heile der Gesammtheit war das Verdienst Samuels. Aus dem Nasirate aber keimte sicherlich mindestens ein Zweig des Prophetismus; doch ist hier nicht der Ort, darauf näher einzugehen. Ungenügend erscheint uns die wichtige Frage, wann das Prophetenvon dem Priestertum geschieden wurde, gewürdigt; der schöne Satz 1. Sam. 15, 22, 23 erinnert unwillkürlich an die Anschauung einer späteren Zeit (vgl. Hos. 6, 6), in der dieser Prozeß bereits vor sich gegangen sein niußte. Auch die Wichtigkeit des Aktes auf Karmel und die Folge, die der Sieg Elias daselbst auf die Entwicklung des Jahvetums hatte, ist nicht genügend beachtet. Hingegen ist besonders geistreich und mit vielem Geschick die Hypothese von den wahren und falschen Propheten, in der der Schwerpunkt des ganzen Buches ruht, behandelt, wenngleich es uns nicht einleuchten will, daß die falschen Propheten als „naturgemäße Entwicklung des altheidnischen Prophetentums in Israel" (S. 5) anzusehen sind, wie auch gegen die Annahme des Verfassers, als seien die sich von der Schule lossagenden Propheten die wahren gewesen, der Umstand spricht, daß wohl auch Elisa ein Schiller Elia's gewesen sein wird (vgl. 2. Kön. 3, 11), ferner daß Elisa sehr häufig mit den Prophetenschulen in Verbindung ist (2. Kön. 2—7, 15—22; 4, 1, 38; 6, 1—7), ja daß diese gerade in dieser Zeit mehr denn je genannt werden. Uns scheint es richtiger zu sein, wenn wir annehmen, die falschen Propheten seien als solche erst später, da ihr kurzsichiger Blick durch das Hereinbrechen nationaler Unglücksfälle zu Schanden wurde, in Verruf gekommen; früher wurden wohl die wahren, deren scharfen und weiten Blick wir heute bewundern, von jenen uad dem Volke als falsch bezüchtigt, ein Verhältnis, wie es bei Mose lind Korach, bei Elia und Achab, bei Jeremia und Hananja, bei Luther und dem Papste, bei dem niodernen Rabbiner und der gegnerischen Richtung wiederkehrt. Noch manches ließe sich bemerken, so z. B ist die Erklärung von Zidkot (112), das der Verfasser als mit chesed synonim nimmt, nicht korrekt; denn Zedaka bedeutet im älteren Hebräismus die sich als gerecht erweisende That (vgl. unseren Aufsatz über Micha 6 im Jüd. Literaturblatt 1878, S. 163) und wenn es Hos. 10, 12 heißt: „Säet nach der Norm der „Zedaka“ und ihr werdet nach der Norm von „ehesed“ ärnten, so wird sich sicherlich ergeben, daß „chesed^ mehr denn „Zedaka,“ die Frucht derselben ist. Auch die Emendation von