Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 156 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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156 die Gebote der Sittlichkeit legten rc. Was hat aber ihre Aufmerksamkeit auf das Judentum gelenkt? Nach meinem Ernlessen nichts anderes als jenes erhabene Matyrium, welches viele Tausende von Juden, blos ihres Glaubens willen, beim ersten Kreuzzuge standhaft und freudig erlitten hatten. Es ist eine unleugbare Thatsache der Geschichte, daß das Matyrium, welches eine Konfession von einer andern erdulden muß, nicht dem Glaubensbekenntnis der letztern sondern dem der erstern nützt, so dasselbe nur lebensfähig ist, indem durch den Tod der Märtyrer ein Glorienschein um es ausgebreitet wird. Man fand es daher vor der Hand in maßgebenden Kreisen nicht ratsam, ein zweites derartiges Martyrium der Juden sich wiederholen zu lassen. Was einzelne kreuzzüglerische Banden verübt haben, kann hier nicht in Betracht kommen. Allein da der Grundsatz der Verfolgung aller außerhalb der Kirche Stehenden als unumstößliche Wahrheit galt, so begnügte man sich nicht damit, durch allerlei Verordnungen die Juden bedrückt und erniedrigt, aller menschlichen Rechte beraubt, und dem Schimpfe des Pöbels preisgegeben zu haben, sondern es wurden ihnen auch von Zeit zu Zeit, bald hier bald dort, Verbrechen angedichtet, um sie solidarisch verantwortlich machen, sie niedermetzeln und sich ihrer Habe bemächtigen und allen diesen Übelthaten das Gepräge einer gerechten Vergeltung aufdrücken zu können. In diesen lügnerischen Erfindungen waren namentlich fanatische Priester und Mönche unerschöpflich, und öfters verwerteten sie eine von ihnen in Szene gesetzte Judenverfolgung, um für eine dogmatische aber angefochtene Behauptung ein Beweismittel zu erhalten, wovon uns Hase in seineni Handbuch der protestantischen Polemik S. 441 ein marquantes Beispiel anftihrt. Schließlich noch dieses. Es gab auch im Mittelalter human gesinnte Päpste und Kirchenobern, welche gegen Judenverfolgungen und lügnerische Anschuldigungen energisch eiferten, allein, so lange es als heilige Pflicht angesehen wurde, alle außerhalb der Kirche Stehenden, schon des bösen Beilstieles wegen, das sie den gläubigen Christen geben, verfolgen zu müssen, konnte ihre Stimme, zumal in jenen anarchischen Zeiten, nicht überall und allgemein Gehör und Befolgung finden. — Übrigens haben tut Mittelalter auch noch andere, obgleich der Kirche ganz treugebliebene Theologen ihre Stimmen gegen grausame und willkürliche Verfolgungen erhoben, ohne jedoch ebenfalls den gewünschten Erfolg zu erzielen. So z. B. (nach ib. Seite 793) greift am Ende des 12. Jahrhunderts der treffliche Petrus Cantor lein Pariser Theologe) die Willkür und Gewissenstyrannei im Verfahren gegen die Katharer aufs Heftigste an ... . Er erzählt, daß erhabene Matronen, welche sich nicht zum Dienste der Lust ihrer Priester hergeben wollten, von diesen, als der Sekte der Katharer angehörend, angeklagt, und von einem Mächtigen verurteilt wurden, während matt zufrieden tvar, von reichen Katharern nur Geld zu erpressen.... Die Katharer wußten gut nachzuweisen, wie sehr gegen die Jrrlehrer dem Wesen des Christentums widerstritte." — Und hinsichtlich der Juden hat ein spanischer Abt, dessen Namen mir entfallen ist, erklärt, er halte es wohl für recht, daß die Christen die Sarazenen bekriegten, weil diese jene zu unterjochen bestrebt sind, jedoch für unrecht, die Judeit zu verfolgen, da diese friedlich unter ihnen leben und ihnen nützlich sind. - Petrus Cantor war auch ein Gegner der Ordalien als eine dem Geiste des Christentums widerstrebende Einrichtung. Bekanntlich hat aber in der Judenverfolgung von Blois (1171) eine von einem Mönche angerathene trügerische Ordalie den Ausschlag gegeben.