Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 153 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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153 stände, die man als das verborgene Werk der Vorsehung zur Erhaltung der Juden betrachten könnte, waren wirklich einbetreten, und zwar in gewissen Vorkommnissen innerhalb des Christentums, wie sie uns die Kirchengeschichte aufbewahrt hat. — Vor allem war es das Verfahren des Papstes Gregor VII. gegen die entarteten Geistlichen, wie er sie nannte, welches diese in den Augen des Volkes herabzusetzen und zu entwürdigen und ihnen alles Vertrauen zu entziehen geeignet war. Er erklärte alle Geistlichen, welche, was damals gewöhnlich war, ihre Kirchenämter durch Simonie erhalten hatten oder in einer ehelichen Verbindung lebten, fitr unfähig, die Sakramente zu spenden, und wandte sich deshalb nicht blos an die Fürsten, sondern auch an das Volk, um dessen Abscheu gegen die verderbte Geistlichkeit zu erwecken und die Sache des Papsttums gegen dieselbe zur Volkssache zu machen. Er verband sich, sagt Neander, Allg. Gesch. der christl. Religion und Kirche, Band V, Seite 125, mit den frommen Laien gegen die verderbte Geistlichkeit; er äußerte seine Freude dariiber und dankte Gott, daß Männer und Frauen aus den« Laienstande ungeachtet des schlechten Beispiels der Geistlichkeit dem Interesse der Frömmigkeit sich Hingaben. Ferner fand Gregor eine besondere Stütze in den Mönchen, die als Bußprediger umherzogen, auf das Volk am meisten einwirkten und in Bekämpfung der herrschenden Sittenverderbnis und der lasterhaften Geistlichkeit den Päpsten sich anschlossen .— Aber anderseits blieben auch die Mönche nicht unangefochten. Die antigregorianische Partei war bestrebt, sie in den Augen des Volkes herabzuwürdigen. Sie wurden von den Männern, welche an der Spitze derselben standen, als Pharisäer, Eiferer für Menschensatzungen und Beförderer der Geistesverfinsterung dargestellt, die den Unterricht in den Klöstern hinderten und die Jugend von Anfang an in Unwissenheit und Dummheit zu erhalten suchten. In dieser Weise bekämpfte sie unter Anderem der Bischof Waltram von Naumburg. — Den Vorwurf der Entartung, der Verweltlichung, der Verderbtheit der Sitten, der Abweichung von dem übernomnienen Beruf, der Verführung der Laien durch böses Beispiel, hören wir noch Jahrhunderte lang Geistlichen, Priestern und Kanonikern entgegenschleudern, aber auch manchen Mönchsorden. Ja, selbst den Bettelorden (Dominikanern und Franziskanern), von denen man erwartet hatte, daß sie als echte Nachfolger der Apostel in evangelischer Armut und gänzlicher Lossagung von irdischem Besitze und Eigentum leben werden, wurde alsbald und fortwährend Entartung vorgeworfen, ib S. 370 u. 371. „Wie sie von den Päpsten besonders begünstigt wurden, ließen sie sich als ihre blinden Werkzeuge für Erpressungen und andere schlechte Zwecke gebrauchen. Der Geschichtsschreiber Matthäus von Paris klagt über die Veränderung, welche in wenigen Jahren mit diesen Mönchen vorgegangen war, wie sie prächtige Gebäude aufführten re." Es unterliegt daher nur keinem Zweifel, daß jene beim ersten Kreuzzuge von Priestern und Mönchen ausgegangene Ablaßverkündigung beim Volke wenig oder gar keinen Glauben fand und somit von keiner nachhaltigen üblen Wirkung für die Juden werden konnte. Aber noch anderer sehr wichtiger Umstand trat ein, der verhinderte, daß die Verfolgungen fortan keine so systematisch angelegten allgemeinen waren, sondern auf momentane lokale Ausbrüche beschränkt blieben, und durch welchen die Verfolger sich doch in den meisten Fällen scheuten, die Juden, bloß weil sie Juden waren, zu verfolgen, vielmehr sich genötigt sahen, ihnen begangene Verbrechen anzudichten, um sich den Schein einer gerechten Verfolgung zu verleihen. Dieser Umstand lag in dem 12. und 13. Jahrhundert in den in großer Menge auftretenden