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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-07-01 · Heft 7 (1.7.1884) · p. Seite 149

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 7 (1.7.1884)
Date
1884-07-01
Page
Seite 149 (sequence 3)
Language
German
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— 149 — Palästina im Auge. Das allgemeine Menschentum tritt oft gegen die individuelle Gestaltung und die Eigenartigkeit des Volkslebens in den Hintergrund. Meist hat der rohe Götzendienst der alten Zeit Schonung und Milde in Strenge und Härte verwandelt. Es ist eben das Loos jeder, auch der erhabensten Idee, daß sie aus ihrer Gedankenhöhe auf den Boden der Wirklichkeit herabsteigend, dort von einer beengenden Atmosphäre umklammert wird und die Fülle ihrer ganzen Herrlichkeit zu dein geringen Maaße der bestehenden Verhältnisse, der allgemeinen Faßlichkeit und Empfänglichkeit herabstiinmen muß. Auch der Talmud, wer wird das leugnen, enthält manche Stellen, welche als eine Trübung des allgemeinen Menschentums erscheinen müssen. Aber daraus den Juden der Gegenwart einen Vorwurf machen, ist sehr gelinde ausgedrückt naiv, ebenso naiv als ihnen heute den Tod Jesus, oder den heutigen Griechen den Tod des Sokrates zur Last zu legen. „Der Talmud und immer wieder der Talmud!" so etwa ruft Rieß er aus .... Ist denn der Talmud allein übrig geblieben in der großen Sündflut, die in eureni Gedächtnisse alle übrigen Erinnerungen aus der Geschichte der Religionen wegschwemmt? Oder schließet ihr ihn allein ans von der allgeineiuen Amnestie, die ihr allen ähnlichen Erzeugnissen bewilligt habt? Wenn ihr eure Religion, deren Haß Geschlechter erwürgt und Jahrhunderte mit Blut überschwemmt hat, eine Religion der Liebe nennt und leicht hinweggeht über jene Gräuel, als über Auswüchse, über das Erzeugnis menschlicher Zusätze zu der himmlischen Lehre, errötet ihr nicht, einem andern Glauben, dessen Bekenner Jahrhunderte die hülslosen Opfer des Fanatismus waren, vorzuwerfen, daß er einst auch andere Lehren als die der allgemeinen Menschenliebe gelehrt? .... Warum sollen wir einzelner Härten wegen die Geschichte von zwei Jahrtausenden unsers Glaubens verläugnen und verdammen, da ihr doch von dem Erscheinen eures Glaubens das Heil der Welt datirt, unbekümmert um die Grausamkeiten und um die unmenschlichen Lehren, zu denen ihr die Veranlassung geworden?" Bei Beurteilung engherziger Gedanken und Lehren in Bibel und Talmud muß man, wenn man nicht ein beschränktes, einseitiges Urteil fällen will, stets den krassesten Götzendienst des Altertums, später die Religionsverfolgungen als geschichtlichen Hintergrund fest im Auge behalten, immer jene von der jetzigen sehr verschiedenen Zeit in Betracht ziehen. Aber im Vordergründe stand und steht im Judentum die Liebe und das allgemeine Menschentum. Wenn in einer Zeit, wo noch Blutschande, Menschenopfer, Gewalt, Raub und Mord an der Tagesordnung waren, hin und wieder auch unliebsame Äußerungen gefallen sind, wer darf sich dariiber wundern? Man muß sie als einzelne dunkele Punkte an dein reich besäten Sternenhimmel der mosaischen Humanitätslehre ansehen. Und wahrlich vollbesät wie mit glänzenden Sternen der Himmel ist mit goldenen Worten der Duldung unsere Bibel. Kaum möchte man glauben, ein dreitausend Jahre altes Buch vor sich zu haben, wenn man darin neben dem Hauptgebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, Lehren und Mahnungen wie die folgenden liest: „Den Fremdling in eurem Lande sollt ihr nicht unterdrücken. Du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn Fremde seid auch ihr im Lande Egypten gewesen" (Lev.!9, 33). „Ein Recht gelte für den Eingebornen wie für den Fremdling." „Denn der Ewige, euer Gott, ist ein Gott aller Götter, weil er keinen Unterschied der Personen macht, und unbestechlich ist, er liebt auch den Fremdling, giebt ihm Speise und Kleidung. So liebet auch ihr * 13

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