Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Den Begriff der Humanität finden wir am schnellsten, wenn wir den Gegensatz ins Äuge fasse», die Brutalität. Das Tier kennt kein sittliches Gefühl, es kennt nur die Gewalt, das Schwächere ist eine Beute des Stärkeren; der Mensch aber soll das Tierische in seinem Wesen zähmen und zügeln. Das Tierische mehr und mehr abstreifen, das ist die Veredelung, die wir an uns selbst wie an unseren Nebenmenschen zu vollziehen haben. Wer dagegen, aus welchen Gründen immer, das Menschliche unterdrückt, der kehrt zur Tierheit zurück. Eine Religion muß uns daher Vertrauen einflößen, welche »»geheuchelt und allen Ernstes d ie Liebe auf ihre Fahne schreibt, wenn sie namentlich das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch auf die sittliche Veredelung unserer Nebenmenschen ausdehnt, aber Abscheu, wenn sie mit göttlichen Waffen, mit den Waffen des Geistes für das Brutale und Vernunftwidrige, für die Gewalt kämpft. Eine Religion muß uns Vertrauen einflößen, die an die Spitze ihres Gesetzbuches den Satz stellt: Der Mensch ist im Ebenbilde Gottes erschaffen, und die Absicht des Schöpfers erklärend ruft ein rabbinischer Weiser: Bedenke, o Mensch, wen du in deinem Nächsten verdammst und erniedrigst, den, der das Ebenbild Gottes an sich trägt. (Sisra, Midr. r. und Jalkut zu Lev. 19, 18.) Der Mensch ist aus Göttlichem und Tierischem zusammengesetzt. Nach dem Willen des Weltenlenkers soll das Göttliche im Menschen über das Tierische herrschen. Der Schöpfer hat nicht sein erhabenes Urbild in den Erdensohn gelegt, damit er das Brutale ungezähmt fortwalten und regieren lasse. „Ein Mensch in seinem höchsten Glanze, der die Vernunft nicht walten läßt, gleicht dem vernnnftlosen Vieh." (Ps. 49.) Die Religion aber soll nicht in dem Sinne die Menschen hnmanisiren, daß sie ihnen die Gottheit vermenschlicht, wie sich jüngst sogar ein jüdischer Professor durch den Wortklang „hnmanisiren" irre führen ließ, sondern einzig und allein dadurch, daß die Menschen durch sie dem Allweisen, Allgerechten, Ällgütigen immer ähnlicher werden. Jedes Abbild soll dem Urbild möglichst ähnlich werden, es darf aber nicht umgekehrt das Urbild verflüchtigt und verblaßt werden, damit es dem Abbilde näher komme. Da nun das Judentum von dem Satze ausgeht, daß alle Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen sind, so braucht es eigentlich kaum noch gesagt zu werden, daß die Nächstenliebe, von welcher die mosaische Gesetzgebung spricht, gleichbedeutend ist mit allgemeiner Menschenliebe, daß die Liebe sich erstrecken soll auf alle Menschen ohne Unterschied der Klasse und Rasse. Unsere Religion lehrt demnach deutlich: Das Ebenbild Gottes strebe dem Urbilde nahe zu kommen, wie Er versöhnlich, allbarmherzig, liebevoll gegen alle Wesen, so sei auch derMensch voll Liebe, Güte und Milde gegen Alles, was Menschenantlitz trägt. G. Versammlung! Ein Gesetz sei für euch und den Fremdling, der sich da aufhült, eine ewige Satzung für alle Geschlechter, ihr und der Fremdling sollet gleich sein vor.dem Ewigen. Ein Gesetz, ein Recht soll für euch wie für den Fremdling gelten. (Num. 15, 15.) Indem die Lehre Mosis das Ebenbild Gottes auf das Urbild hinweist und die Gleichheit aller Menschen vor dem Ewigen betont, hebt sie den Israeliten ans einen erhabenen Standpunkt, zeigt sie ihm seine sittliche Grundanlage und Pflicht, sowol sich selbst zu vervollkommnen als auch seine Nebenmenschen — und Nebenmenschen sind Alle, die in Gottes Ebenbild geschaffen sind — zu veredeln, der Gottähnlichkeit immer näher zu bringen. Freilich hat der Mosaismus nicht immer und überall diesen erhabenen allgemeinen Standpunkt festhalten können; freilich zeigen viele biblische Gesetze und Bestimmungen einen engeren Zuschnitt und haben lediglich die Israeliten in