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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-06-01 · Heft 6 (1.6.1884) · p. Seite 140

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 6 (1.6.1884)
Date
1884-06-01
Page
Seite 140 (sequence 20)
Language
German
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140 Juden bei ihren christlichen Mitbürgern, wo zumeist geordnete Verhältnisse herrschen, herabzusetzen ein Ende nehmen. So wird uns, um nur von der Wetterau zu sprechen, von Kündigungen der Vorstände an die Lehrer in Assenheim, Vilbel, Rodheim und Friedberg berichtet. In letzterer Stadt wird der dortige Lehrer, der von seinen Vorgesetzten jüdischen und christlichen Behörden als tüchtig bezeichnet wird, nach 15 jähriger Thätigkeit ohne Grund entlassen. Solche Misstände schänden das Judentum und ist ein solches Lehreropfer vom Standpunkte des Erbarmens mindestens gleichwertig mit einem durch russische Unmenschen vertriebenen Juden. Aber Friedberg ist und bleibt doch eine ehrenwerte Gemeinde. Zeugnis deß die beiden Giestsässer in der Synagoge und der neue Mikwa-Bau, sowie Abstellungen verschiedener synagogaler Einrichtungen, als Abschaffung der eingeführten deutschen Lieder, die als ketzerisch gelten. Hierin hat Frankfurt, welches in den letzten Jahren in Steuerorthodoxie macht, auf die kleinen Nachbargemeinden schädlich eingewirkt. — Aus Weitersweiller wird uns berichtet, daß am 11. April daselbst während des Abendgottesdienstes in der Synagoge ein Geisteskranker, Namens Blum, mehrere Revolverschüsse abfeuerte, wodurch drei Anwesende schwer verwundet wurden. — In Berlin wurde ein Verein „Esra" gegründet, nur Geld zu Kolonisationszwecken Palästinas zu sammeln, und in Heidelberg hat ein Dozent für Mathematik an der Universität Herr Dr. Hermann Schapiro, einen Verein „Zion" ins Leben gerufen mit dem Hauptzwecke, die Kolonisation Palästinas zu betreiben. — Die in Fürstenwalde im Jahre 1873 durch M. Reich gegriindete jüdische Privat-Taubstummen-Anstalt soll durch den Verein „Freunde der Taubstummen in Berlin" eine Erweiterung erfahren und sollen zu diesem Zwecke Sammlungen in weiteren Kreisen veranstaltet werden. Das österreichische isr. Taubstumnien-Jnstitut in Wien, das einen Weltruf genießt, wird von 58 Knaben und 33 Mädchen besucht. — In Rußland, besonders auf dem Lande, sind die Zustände der Juden höchst traurig und es ist kein Wunder, daß man dort ernstlich an einen Exodus denkt, der aber freilich, so lange die Verhältnisse nicht geordnet sind, in eine Wüste führt, die noch viel schlimmer ist. Kennzeichnend für die trostlosen Zustände daselbst ist der Brief eines Rabbiners aus dem Gouv. Pultawa, im „Hamelitz" abgedruckt, der beiläufig Folgendes enthält: Sie, die Sie in der Hauptstadt wohnen, kennen die Leiden unserer Brüder nur vom Hörensagen, doch einen Begriff von der wahren Größe des Elends haben Sie wohl nicht. Sie haben es nicht gesehen, wie der schmutzige und betrunkene Pöbel fast täglich in die Häuser der achtbarsten Juden eindringt (ich rede nicht von Schankinhabern). Der Geängstigte führt die rohen Besucher gewöhnlich bald in sein bestes Zimmer, bewirtet sie und läßt sich dafür alle Schande gefallen. Man spukt ihm ins Gesicht, vor seinen Augen wird mit Frau und Töchtern die schlimmste Tollheit getrieben und bei dem Allen hat der arme Mann nur die einzige Waffe, die Bitte; „Liebe Freunde, höret doch auf zu scherzen!" Haben Sie je davon gehört, was ich ansehen mußte, wie ein schurkischer Stadtschreiber sich herausnimmt, die Tochter des geachtetsten Juden zu küssen und den Vater noch dazu zwingt, seiner Tochter zu gebieten, daß das geängstigte Mädchen das Scheusal wieder küsse? Dies Alles und viel Schlimmeres duldet hier der Jude auf dem Lande von seinen Beschützern, den Beamten, um sich seines Lebens zu erwehren. Auf einen Wink des unbefriedigten Beamten bricht die Meute los und die ganze Familie ist dahin. So wahr meine Seele lebt, dies und noch viel Schlimmeres habe ich init ansehen müssen und muß es täglich mit ansehen. „Wehe dem Auge,

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