Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1884)
- Date
- 1884-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Wir behalten, unserem Prinzipe treu, nur die gemeinsame Anstalt im Auge. Es muß dafür gesorgt werden, daß an bestimmten Präparandenschulen tüchtige jüdische Religionslehrer einen elementar-pädagogischen Religionsunterricht nach festem, klarem Plane erteilen, damit die Jünglinge wohlausgerüstet ins Seminar eintreten. Die Kenntnis des geschichtlichen Teiles der Bibel in der Ursprache, die wichtigsten hebr. Sprachgesetze, das Gebetbuch, die jüdische Religionslehre in ihren Grundsätzen — das sind so etwa die Voraussetzungen, auf welche wir bei der Aufnahme in's Seminar rechnen müssen. Hier nun muß von einem Manne mit ausgebreiteten Kenntnissen auf religionswissenschaftlichem Gebiete ein höherer Unterricht erteilt werden, fest und klar, nach wohldurchdachtem Plane und sicherem Zielpunkte; dabei pädagogisch, dem Standpunkte, den die Seminaristen einnehmen, entsprechend. Der Geist im Seminare muß helfen. So bekommen wir tüchtige Religionslehrer, welchen wir die Bahn geöffnet haben zum Eintritte ins Leben, in ein Geist und Herz immer neu erfrischendes Schulamt! Daß wir für diesen Beruf leider nur die Söhne armer Eltern gewinnen können, ist eine tiefbetrübende Thatsache, mit der wir aber rechnen müssen. „Nehmt Euch der Kinder der Armen an" ist jedoch gottlob ein Religionsgesetz, das zu tief im Gemüte eines jeden Israeliten, ohne Unterschied der religiösen Richtung, begründet ist, als daß wir befürchten könnten, daß es vergessen würde. Selbst im Herzen der sonst Indifferenten findet dieser Grundsatz noch Anklang. Es kömmt nur auf die Anregung an. Dabei dürfen wir jedoch eines nicht außer Acht lassen: die g e i st i g Armen, die Untauglichen für den Beruf dürfen wir dem Lehrerstande nicht zuführen. — Nie, besser Lehrermangel als schlechte Lehrer! Und wenn nun der für sein Amt wohlausgerüstete Jüngling ins Leben eintritt; wenn er eine Stätte sucht, auf der er seinen Beruf erfüllen kann, der ihm allein die wahre Befriedigung fürs Leben und jene Weihe gibt, die nach immer größerer Vervollkommnung strebt, — was dann? Wir könnten hier in das Wehklagen einstimmen, das noch immer nicht veraltet ist: in den Schullehrerjammer, der insbesondere für den größten Teil der jüdischen Lehrer noch immer berechtigt ist. Wir fordern für den Lehrer eine anständige Lebensstellung, ein für eine Familie auskömmliches Gehalt, eine würdche Alters- und Juvalidenversorgung, eine genügende Pension für die Hinterbliebenen, überhaupt, — ein Leben, das ihn in den Stand setzt, sich ganz und mit voller Kraft seinem schwierigen Berufe hinzugeben. Wir fordern, daß endlich die Zeit auch für den jüdischen Lehrer geschwunden sei, wo jeder einigermaßen selbständige Mensch mit höhnendem Mitleid auf den Lehrer herabblickt; wo nur diejenigen sich diesem Berufe widmen, die durchaus zu keinem andern sich eignen, weil sie von der Gunst ungebildeter Vorstände abhängen. Malen wir zu schwarz? Es würde vielen Lesern aus der Stadt unglaublich erscheinen, wenn wir das Leben so manches braven jüdischen Lehrers vom Lande schildern wollten. Es wird aber auch viele wolgesinnte Männer und achtenswerte Collegen aus dem jüdischen Lehrerstande geben, die zu dem Gemälde, und sei es auch schwarz in schwarz gemalt, noch manches beizufügen hätten. Wir müssen jedoch hier davon abstehen, ein so trostloses Bild zu zeichnen, einmal, weil wir nicht sagen wollen, wie es war und größtenteils noch ist, sondern — wie es werden soll. Andrerseits aber auch, weil es leider immer noch zu viel zweifel» hafte Existenzen im jüdischen Lehrerstande giebt, die den Ehrennamen „Lehrer" nicht verdienen, die die tiefste Quelle des Lehrermisere bilden und die der Lehrer-