Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1884)
- Date
- 1884-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969712-2969719--1059-2971504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
125 bestehenden öffentlichen Schulen zu regeln. Wir müssen Religionsunterricht erteilen lassen an den Gymnasien, Real- und Töchterschulen, sowie an Volksschulen aller Art. Diesen Religionsunterricht allüberall einzuführen, zu organisiren und fortzubilden, muß die vorzüglichste Aufgabe der Juden der Gegenwart sein. Es sind in der neueren Zeit manichfache Bestrebungen in dieser Richtung gemacht worden und wir glauben überzeugt sein zu dürfen, daß diesen fast überall die wärmste Sympathie entgegengebracht wird. Selbst bei manchen früher durchaus Indifferenten ist in unserer Zeit vielfach das Bewußtsein rege geworden, daß dem Kinde Religionsunterricht fürs Leben einen Halt bietet, den es in unserer so sehr bewegten Zeit am allerwenigsten zu entbehren vermag. Daß erst bittere Erfahrungen zu dieser Erkeuntniß nötigten! Was gehört zum jüdischen Religionsunterrichte? Zu allererst fordern wir für unsere Kinder Kenntniß der jüdischen Geschichte! Die Kenntniß der Entwicklungsgeschichte des Judentums kräftigt das Selbstbewußtsein und läßt die Anfeindungen als das erscheinen, was sie sind; giebt aber auch die tröstende Zuversicht auf den Fortschritt der Menschheit, der wohl für eine kleine Weile gehemmt, aber nie zum Stillstand gebracht werden kann. Sie stärkt den Offenbarungsglauben und läßt uns den hehren Gang der Vorsehung in der Entwickelungsgeschichte Israels und der Menschheit, der Erziehung dieser zu immer höherer Erkenntniß, immer edlerer Bethätigung des Wahren, Guten und Schönen, immer reichlicherer Entfaltung des Menschengeistes, zum Reiche Gottes auf Erden ahnen und erkennen. Der Jude der Gegenwart fühlt es, daß es eine Schande ist, die Geschichte der Griechen und Römer, der Perser und Indier zu kennen, während Vielen die Geschichte des eigenen Stammes und der eigenen Religion, die so überaus reich ist an Kämpfen und Leiden, an erhabenen Schöpfungen und Siegen, wie an blutigen, schrecklichen Erfahrungen, bis jetzt unbekannt blieb. Umfassende Kenntniß der Religionsgeschichte von der ältesten bis auf die neueste Zeit ist die erste Forderung, die wir an den Juden der Gegenwart stellen müssen; sie ist die Grundbedingung eines sach- und fachgemäßen jüdischen Religionsunterrichts, die feste Wurzel desselben und — der beginnenden Regenerirung. Aus der Religionsgeschichte muß der eigentliche Religionsunterricht, die Bekanntschaft mit der jiidischen Lehre und dem jüdischen Leben hervorwachsen. Religionsunterricht in diesem engeren Sinne ist die Zusammenfassung der Lehren und Gebote des Judentums in bestimmten Sätzen, für welche die Bibel selbst oder ein Lehrbuch zur Richtschnur genommen werden muß. Hier kommen wir allerdings auf einen anscheinend vielfach kontroversen Boden, da Lehre und Leben nicht stets übereinstimmen. Der Lehrer hat indessen nur zu lehren, zu unterrichten; er hat weder das Recht, noch die Pflicht, das Leben zu kritisiren. Er darf sich nicht in Debatten einlassen über das, was in dem einzelnen Hause Sitte oder nicht Sitte ist. Er darf nicht abweichen von dem Wege der Wahrheit und ebenso wenig lieblos urteilen über die Eltern, deren Kinder ihm zum Unterrichte anvertraut sind. Er wird die jüdischen Lehren und Gebote in Herz und Gemüt der Kinder einzuführen streben. Die Thora und das eingeführte Religionsunterrichtsbuch sind seine einzigen Leiter; er wird „nichts dazu thun, und nichts davon nehmen"; er wird nur lehren, nicht streiten und kämpfen. Er wird nicht der Lehrer einer Partei, einer Familie, sondern des Judentums sein. Was überall nur kontrovers sein kann, wird er unberührt