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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-06-01 · Heft 6 (1.6.1884) · p. Seite 123

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 6 (1.6.1884)
Date
1884-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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123 Augen des Volkes"!? Sehen sie nicht, merken sie es nicht? Sollten die weltklugen Führer ihr Heil mit dem des Judentums verwechseln? Sollten sie nicht wissen, daß ihre Sache nur auf den „Trotz der Ungebildeten", auf den Wirrwarr in den Köpfen der Gewohnheitsmenschen begründet ist? Sollten sie nicht ahnen, daß ihr Tag kurz ist? Ja, sie wissen es! Aber die Zukunft ist ihnen gleichgültig. Wenn nur Frieden ist in meinen Tagen; aprds nous le d^luge. „Wer an die Zukunft denkt, muß an den Fortschritt glauben. Die Stabilität hat keine Zukunftsgedanken, weil sie keine Lehre der Geschichte anerkennt und kein Verständlich hat für den Entwicklungsgang in der Vergangenheit." Und die andere „Seite"? Wir können nicht „Partei" sagen, denn „Partei" setzt eine innige Verbindung, einen Zusammenschluß voraus; eine Partei im vollen Sinne des Wortes ist allerdings die Orthodoxie, mindestens ihre Führerschaft! Wir können ebensowenig „Richtung" sagen, denn diese hat ein Ziel, einen einigenden Gedanken. In den großen Gemeinden, — es soll ja in der neuesten Zeit etwas besser geworden sein, — ist die Majorität dem Jndifferentismus, sagen wir es offen, der oft cynischen Verachtung jedes spezifisch jüdischen Lebens, jeder Bethätigung desselben verfallen. Da glaubt man übergenug gethan zu haben, wenn man „mit Muß" zahlt. Die Einen kommen noch am Roschhaschono, die Anderen nur am Jomkippur zur Synagoge — und darin besteht ihr ganzes Judentum. An die „idealen Ziele", an die „religiöse Zukunft" ihrer Kinder denken sie nicht. Viele halten wohl noch aus Pietät (?) die „Jahrzeittage" ihrer Eltern; aber wenn man sie fragt: „Wollt ihr, daß Eure Kinder einmal auch Eurer Sterbetage eingedenk seien?" Da mögen sie wohl die ganze Hohlheit dieses ihres Judentums fühlen; antworten werden sie nicht! Und ebenso, wenn man ihnen sagt: „Wir wollen den Fortschritt, wie Ihr! Aber Ihr nehmt das Erbteil Euerer Kinder vorweg! Das ist kein Fortschritt mehr, das ist Auflösung — Vernichtung! Was soll diesen noch übrig bleiben, wenn Ihr bis ans Ende des Möglichen fortschreitet? Wenn die Seiten der Menschheitsgeschichte, in welchen Euer jüdisches Thun und Wirken verzeichnet werden müßte, leer bleiben? Bis noch vor kurzer Zeit war es ebenso mit dem Religionsunterrichte bestellt. Es ist in einigen großen Städten gar nicht selten, daß jüdische Kinder nie Religionsunterricht genießen, nie etwas von Religion, vom Judentum hören, in welchem doch sie und ihre Eltern geboren sind. Das ist bei keiner anderen Confession in solchem Maße der Fall. Und noch andere, sehr viele sogar, nehmen am christlichen Religionsunterrichte Teil. Das ist eine Schmach, eine Verhöhnung alles Heiligen. Wir können uns kaum denken, wie ein treuer, redlich denkender Lehrer irgend einer Confession, der Charakter hat, sich zu einer solchen Blasphemie herbeilassen kann. Der einfachste Anstand müßte es einem Religionslehrer verbieten, solchen religionslosen Kindern die Geschichte und Wahrheiten der eigenen Religion wie die Bilder eines Raritätenkastens vorzuführen. Und wenn die Eltern nur noch ein klein wenig Pietät hätten, ohne die doch weder Elternnoch Kindesliebe gedacht werden kann, müßten sie sich scheuen, in solcher Weise deren — der Pietät — Grundvesten zu untergraben und das, was doch stets als das Heiligste behandelt werden muß, dem Zwiespalt, dem Zufall, ja der Lächerlichkeit preiszugeben. Sie wollen ihren Kindern „freie Bahn" machen? Geschieht das, indem man den Kindern in einer fremden Religion Unterricht erteilen läßt, für welche ihnen die Wurzeln fehlen , die im 11*

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