Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1884)
- Date
- 1884-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Tempel der Humanität, soweit unsere Kräfte reichten. Unsere heiligsten Empfindungen, unsere tiefsten Wünsche und unsere besten Kräfte gehörten ja der fortschreitenden Kultur der Menschheit, gehörten der Allgemeinheit, den letzten und höchsten Zielen alles idealen Strebens an! Wo finden wir so viel Idealität, wo mehr begeistertes Streben für das Tiefste und Höchste im Menschenherzen als bei den gebildeten Juden unseres Jahrhunderts, — so ganz den Anschauungen unserer Religion, den Traditionen unseres Stammes, unserer ganzen geschichtlichen Stellung entsprechend!? Und nun — welch' trauriges Erwachen! „Verloren ist unsere Hoffnung", wenn auch nur für eine Reihe von Jahren. Wir suchten die Genossen für unser begeistertes Streben, — wo finden wir sie? Wo sind die Bauleute, die den Tempel der Humanität bauen helfen, der Aller Kräfte beansprucht? Wir hätten hingegeben unser Herzblut für ein bischen von jener echten, wahren, die Menschheit und uns mit ihr einigenden Liebe! Wo finden wir sie? Das Judentum, die Juden sind die Gradmesser der herrschenden Toleranz, ist ein altes Wort; und diese Toleranz, die wir verlangten, ist eben doch nur ein dünnes Mäntelchen, ein sehr leichter Schutz gegenüber Stürmen, die die Grundvesten der Kultur erschüttern und bedrohen. Wir finden fast nirgends mehr Entgegenkommen! Unsere Freunde, die entschiedenen, klaren Verfechter der allumfassenden Humanität, ja auch nur der entschiedenen, unbestechlichen Toleranz sind zu zählen! Nur wenige ahnen, daß es sich hier nicht handeln kann um uns, sondern um die Gesammtheit, um den mächtigen Kulturfortschritt, seine Grundbedingungen und seine Krone! Das Judentum? Es hat ja schon ganz andere, weit ärgere Stürme bestanden! Es wartet seit Jahrtausenden, — es kann noch länger warten! Wir müssen die Hoffnungen begraben für unsere Lebenszeit; nicht für immer! Wir müssen uns stählen, damit wir unseren Idealen selbst in dieser Zeit nicht untreu werden, und insbesondere diejenigen, welche in das öffentliche Leben eingetreten sind und äußerlich und innerlich darum doppelt leiden und dulden, müssen sich mit dem ganzen Segen idealen, humanen Strebens und Wirkens ausrüsten, um nicht müde zu werden und nicht zu erlahmen, und — nicht zu verzweifeln! — Der Sturm wird sich austoben, das Gewitter vorübergehen; die „toten Gebeine werden aufleben, ein sehr, sehr großes Heer!" — Das ist unsere Hoffnung! Und im Innern? In unseren Gemeinden? Jndifferentismus links, — heuchlerische Orthodoxie rechts, in der Mitte ein sehr kleines, schwaches Häuflein! Die Kämpfer für das volle Eintreten in die humanen Strebungen der neuen Zeit sind alt geworden; so manchen rüstigen Streiter der jüdischen Reformideen, des bewußten Fortschritts im religiösen Leben aus der Zeit aufstrebenden Lichts deckt die Muttererde seit Jahren und der Nachwuchs gehört fast mit nur wenigen Ausnahmen den Lagern an, deren Fahne - rechts und links — den Tod, die Erstarrung birgt, nicht dem freien, frischen, rüstig fortschreitenden, gesunden Leben vorauszieht. Da pochen sie rechts auf die anscheinend wachsende Zahl der Mitglieder orthodoxer Separatgemeinden und auf die große Mehrheit der Gemeinden, in welchen man auf die ostensible Rechtgläubigkeit und religionsgesetzliche Unbescholtenheit der Religionsbeamten ein großes Gewicht legt. Da pochen sie auf die große Abonnentenzahl und die koscheren Inserate orthodoxer Lürmtrompeten und zählen den Beginn der neuen Heilszeit von dem Gründungstag der Religionsgesellschaft ,0baburoso Kadischoao“ und der orthodoxen „Centralorgane". Ist dies Selbstbewußtsein oder „Sand in die