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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-05-01 · Heft 5 (1.5.1884) · p. Seite 118

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 5 (1.5.1884)
Date
1884-05-01
Page
Seite 118 (sequence 22)
Language
German
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des Judentums in der Jetztzeit. Wir haben zwar solche holländische Zustände auch in Deutschland zu verzeichnen. In einem Blatte, das in letzter Zeit viel in Schulchan-Aruch-Revision macht, heißt es im Briefkasten: Herrn W. in N. „Kaviar ist verboten", was nicht zutreffend ist, da schwarzer Kaviar auch von skrupulösen orthodoxen Juden genossen werden darf. Kulturhistorisch interessant ist auch folgender Briefwechsel aus einem jüdischen Blatte am Rheine: Herrn A. H. in S. Käse jeder Art, der nicht unter jüdischer Aufsicht bereitet worden, ist zum Genüsse verboten. Herrn L. M. in D.: Zucker wird mit Spiritus raffiniert (die Pseudo-Orthodoxie ist raffiniert ohne Spiritus), es darf daher am Pessachfeste nur solcher Zucker genommen werden, der unter jüdischer Aufsicht ist bereitet worden. Herrn I. S. in K.: Sie haben ganz recht, es ist unser Minhag (Brauch), keinerlei Hülsenfrüchte am Pessach zu genießen. Ob Erbsenkonserven in diese Kategorie gehören, kann allerdings bestritten werden, jedenfalls ist anzuraten, sie am Pessach nicht zu genießen. — Ueber den Bnai- Berith-Orden wird uns berichtet, daß durch denselben bei den Mitgliedern die Erkenntnis geweckt werden soll, daß es eine Ehre sei, Jude zu sein. Die in Berlin bestehende Berthold-Auerbach-Loge und die deutsche Reichsloge daselbst gehören deni Orden der Bnai-Berith an, ebenso auch die Germania-Loge in Halle. — In Elisawetgrad hat H. Gordin eine neue jüdische Gemeinde gegründet. Samstag und Dienstag werden Zusammenkünfte abgehalten. Ein Mädchen eröffnet den Gottesdienst mit Vorlesung eines Psalmes in russischer Sprache. Gordin predigt russisch über einige Verse aus dem Pentateuche. Er zieht gegen den Talmud als Religionsbuch in seinen Reden zu Felde und erblickt darin die Quelle vielen Unheils. Im Herbste predigte auch Herr Friloker aus Odessa, der Gründer von „Ren-Israel", in der Elisawetgrader Gemeinde. Gordin sagt: „Was brauchen wir Perlen im Düngerhaufen des Talmud zu suchen, ist es nicht besser, lebendige Wasser aus der Quelle zu schöpfen." Allerdings sind solche Zustände besser wie die in Brisk, woselbst sich die Synagoge aus Streit über einen ueugewählten Rabbiner in eine Mörderhöhle verwandelte. Auch die Frauen beteiligten sich an diesem heiligen Kriege und wurden ihnen Schleier und Zöpfe abgerissen. Schließlich mußte zur Schande des Judentums die Polizei eingreifen. Wäre es nicht höchste Zeit, durch geeignete Wanderlehrer den ungebildeten Schichten der osteuropäischen jüdischen Bevölkerung zu Hilfe zu koinmen, uni sie von ihrem geistigen Elend zu befreien? — In Balta brach am 15. Februar ein Jude während des Gottesdienstes zusammen. Er hatte drei Tage nichts gegessen und seine Familie darbte. — Jetzt, wo die „Regelung der Judenfrage" in Rußland auf der Tagesordnung steht, dürfte es doppelt interessieren, daß Fürst Orlow, der neueruaunte Gesandte Rußlands am deutschen Hofe, bereits im Jahre 1861 im Aufträge des verstorbenen Kaisers Alexanders II. in einer Denkschrift die Judenfrage behandelte und zu folgenden Schlußfolgerungen gelangte: „Uns scheint es, daß die Judenfrage in ziemlich einfacher Weise sich entscheiden läßt, und zwar folgendermaßen: 1) Den Juden sind alle Rechte betreffend den Stand und die Person zuzugestehen, deren sich alle Unterthanen des Reiches erfreuen. 2) Den ausländischen Inden ist zu gestatten, nach Rußland zu konimen und sich gleich allen Ausländern in Rußland aufzuhalten. 8) Sowohl ausländischen als auch russischen Juden ist das Recht zuzugestehen, überall im Reiche Handels-, Bankhäuser zu eröffnen. Durch die letztere Maßregel — heißt es am Schluffe der Denkschrift — würde Kapital nach Rußland geführt und unsere Industrie belebt werden. Die unternehmungslustigen Juden

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