Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Schlachtopfer geben, weil sie nicht wissen, daß sie Böses thun (4, 17). Sei nicht vorschnell mit deinem Munde und dein Herz sei nicht beeilt, etwas anszusprechew vor Gott; denn Gott ist im Hinimel, du aber bist auf Erden, darum seien deiner Worte nur wenig (5, 1). Laß deinen Mund nicht zum Sündigen verführen dein Fleisch und sprich nicht zum Gottesboten ’): es war Versehen (5, 5). Wolle nicht übermäßig fromm sein und nicht übermäßig klug; warum sollst du dich selbst zu Grunde richten" (7,17)? Der Askese gegenüber empfiehlt er den Lebensgenuß: „Siehe da, was ich als gut ersehen habe, daß es schön sei, zu essen und zu trinken und Gutes zu genießen in aller seiner Mühe, womit einer sich abmüht unter der Sonne, die Zahl der Tage seines Lebens, die ihm Gott gegeben; denn das ist sein Teil. Denn ein jeder Mensch, dem Gott Reichtum gegeben und Schätze, und ihn ermächtigt, davon zu essen und sein Teil zu nehmen und fröhlich zu sein und seiner Arbeit sich zu freuen: das ist eine Gabe Gottes!" (5, 17, 18.) Aber nicht sinnliche Trinkgelage, die den Leichtsinn erwecken und die Lust als Ziel des Lebens hinstellen, predigt er, sondern wieder den Weg der Mitte: „Besseristes zu gehen in ein Leichenhaus, denn in ein Haus des Zechgelages" (7, 12). Kohelet ist das Produkt einer verworrenen, zerrissenen, in Nüchternheit sich hinziehenden Zeit. Der sich bewußt gewordene Menschengeist blickt mit offenem Auge in die Welt, die ihm der Rätsel so zahllose aufwirft; er sucht die Welt und das Leben zu beherrschen, indem er ihren Gesetzen nachgeht, sie mit ihrem eigenen und feinem Wesen in Einklang zu bringen anstrebt. Kohelet ist eine Sammlung von Sentenzen, die als Spruchweisheit aus dem Herzen des Volkslebens stammend den Ansatz der althebrüischen Chokma zur Philosophie bildet; die Grundsätze und Ansichten dieser Spekulation verknüpfen sich schwer zu einem System mit innerer, strenglogischcr Folgerichtigkeit und einem obersten Satze, sondern sie stellen sich lose nebeneinander, die innere Wahrheit aus sich selbst und nicht aus einem Prinzip erweisend. In Hiob ist bei der Spekulation mehr das Gemüt, die Poesie beschäftigt; in Kohelet tritt der denkende Geist, unbeirrt um jede Fessel, mit strenger unerbittlicher Logik auf und auf dem Wege reinen Denkens versucht er es, von dem Einzelnen, Wechselnden, Mannigfaltigen zu dem Einen, Erhabenen und Unveränderlichen emporzustreben, Selbstbewnßtsein mit Offenbarung in den Erfahrungen der Zeit und des Lebens zu vermitteln; denn diese althebräische Chokma ist kein leeres Abstraktum, geht nicht im Denken ans, sondern sie eröffnet allen ihr höchstes Gut; sie nimmt den Menschen wie er ist, mit Leib und Seele, das Leben wie es sich darstellt mit seinen Leiden und Freuden und sucht in der harmonischen Ausbildung aller im menschlichen Wesen ruhenden Kräfte und in dem vernünftigen Erfassen alles dessen, was das Leben bringt, ihr Ideal. Der Standpunkt ist ein skeptischer, denn das Leben lehrt zweifeln, aber man hört doch in jedem Schlage das weite Herz, das nur durch die drückenden Verhältnisse der Zeit eingeengt und zusammengepreßt wird; einen faustischen Drang führt uns das Buch vor, der ruhelos durch die Tragik des Lebens einherschwankt und schließlich nach langer Irrfahrt in der „goldenen Mitte" das Heil der menschlichen Natur und des nienschlichen Lebens, in der unbedingten Hingabe an Gott und Menschen das befreiende Glück zu finden wähnt. ‘) Maleach ist hier identisch mit Priester, vgl. Hag. I. 13; Mal. I, 3, ferner Offenb. l, 20; 2, 1, wo angelos in demselben Sinne gebraucht wird; nach Philippson a. a. O. zu St. „Engel" mit Bezug auf das Gewissen.