Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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er als Ausgleichung des Schicksals und der göttlichen Gerechtigkeit ins Volksleben. Was früher „der Knecht Jahves" für den Volksgedanken war, das wurde jetzt die Unsterblichkeitsidee; die Tugend der Einzelnen sollte als Solidarmittel der Gesammtheit zu Gute kommen (Ps. 49 15, 16). Allein, wie allenthalben, blieben auch, in Gefolge dieser Idee die Schattenseiten nicht aus. In dem Kämpfen und Ringen wird wohl die Menschenseele geschärft, häufig aber auch verwirrt. Die Grenze zwischen Religiosität und Schwärmerei ist allezeit schwer zu bestimmen. Nur ein Schritt und man gelangte mit dem Unsterblichkeitsgedanken ungefähr zu demselben Resulate, zu dem der skeptische Rationalismus gelangt war. Epikuräisnius und Stoizisinus begegnen sich in dem Gedanken an die Wertlosigkeit des Lebens. Hatte sich dort ein zügelloser Sinnengenuß entwickelt, so gewann hier die Askese das Ansehen von Frömmigkeit. Thatsächlich nahm Fasten und Beten, Gelübdeablegen und Opfern, das bald wieder zu leerem, geist- und inhaltlosen Menschenwerke sank, überhand; schwärmerische Gemüter kehrten dem Gemeinwesen den Rücken und versenkten sich in einen Mystizismus, der jedem Menschen gefährlich erscheinen mußte. Wie später König Ptolemäns Philadelphus die Unsterblichkeit als staatsgefährlichen Gedanken erklärte, weil die Selbstmorde der mit dem irdischen Leben Unzufriedenen sich häuften, also bekämpfte auch Kohelet den Unsterblichkeitsgedanken tvegen der Askese, die sich in dem bereits damals im Entstehen begriffenen Essenismus'» entwickelte. „Ich dachte in meinem Herzen" so spricht er mit nachsichtsloser Konsequenz „den Gerechten wie den Frevler wird Gott einst richten; eine Zeit kommt für jede Sache und für jedes Thun. Und ich sprach dabei zu mir wegen des Gerede der Menschen, Gott habe sie erkoren, dieses sei nur, um ihnen zu zeigen, daß sie Vieh sind; Menschenschicksal und Tierschicksal — eins ist es; wie Dieser Tod, so jener — alle haben einen Geist, der Vorzug des Menschen vor dem Tiere ist nichts; denn alles ist eitel. Alles geht an einen Ort; alles ward aus Staub; alles kehrt wieder zum Staube. Wer weiß es, ob der Menschengeist aufwärtszieht; ob der Geist der Tiere niedersinkt *) (3; 18, 21)?" „Alles wie allen — ein Geschick") ist dem Gerechten und dem Frevler, dem Guten und dem Reinen und dem Unreinen, dem der da opfert und dem der da nicht opfert, dem Guten und dem Sünder, der leicht schwört und dem, der den Schwur fürchtet — das ist das Übel in Allem, was da geschieht unter der Sonne, daß Ein Geschick für alle ist und darob füllt sich das Herz der Menschenkinder mit Bösem, und Wahn ist in ihrem Herzen während ihres Lebens und nach diesem zu den Toten! denn wer noch verbunden ist dem Leben, hat Hoffnnng; ja einem lebendigen Hund ist besser als einem toten Löwen, denn die Lebenden wissen, daß sie sterben werden, aber die Toten wissen nicht das Geringste und ihnen wird kein Lohn, denn ihr Angedenken wird vergessen; sowohl ihre Liebe, als ihr Haß, als ihr Eifer ist längst verloren und keinen Anteil haben sie an dem, was da geschieht unter der Sonne (Kohel. 9, 3—6)!" Und mit gleich energischer Konsequenz wendet er sich gegen die dunklen Ausgeburten des Mystizismus und der Askese: „Bewahre deine Füße, tvenn du zum Gotteshause gehst; sich nahen, um zu hören, ist besser, als daß die Thoren ') Das Nähere über die Entstehung des Essenismus in einem spateren Kapitel. 2) Über die ursprüngliche und später geänderte Lesart dieses Satzes s. Luzatto a. a. O. b) „Mikre" bedeutet nicht: Fatum, Heimarmene, sondern Geschick, Schicksal im Allgemeinen, s. dag. Gelbe, Beitrag z. Einleitung in d. a. T. Leipzig 1866 S. 131.