Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 106 — eine gerechte Weltregierung und Gedanken an die Wertlosigkeit des menschlichen Seins aufgetaucht. Gewaltiger aber wurde jetzt der Skeptizismus. Beide, Hiob und Kohelet, kranken an demselben Gebrechen; beide wissen es nicht zu erklären, wie es dem Gerechten gehen könne, als hätte er Werke des Gottlosen und diesem als hätte er das Werk des Gerechten an sich. Beiden fehlt der sichere, klare Ausblick auf eine befriedigende Lösung des Rätsels. „Das ist das schlimmste Ding unter der Sonne, daß es dem einen, wie dem andern geht" (Koh. 9, 3); allein in Hiob wurde der Zweifel noch siegreich niedergekämpft durch den Gedanken an den „Knecht Jahve's", der jetzt leidet, um später in um so größerem Glücke zu leben, durch den Gedanken, daß die Leiden als Mittel zur Läuterung und zur Erhöhung des Geistesleben notwendig seien. Anders war es in der Zeit Kohelets. Die Zeit der Verheißung war bereits eingetreten. Israel war nach dein Exile wieder frei in die Heimat zurückgekehrt, aber die Zeit der Erhöhung des „Knechtes Jahve's" war nicht eingetreten, vielmehr war das Elend größer denn je, die Leiden hatten sich bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Die Einfachheit der Verhältnisse war gestört, die Ungleichheit des Besitzes hatte eine allgemeine Verworrenheit der Verhältnisse herbeigeführt, die rechtschaffenen Armen erbleichten vor den reichen Tyrannen; die Feinde der Gola triumphirten. die Gemeinde Gottes aber seufzte in bitterem Elend. Der Volksgeist war nun wieder genötigt, wenn er nicht ganz sinken sollte, sich nach einer Ausgleichung dieses Rätsels nmznthun, die Kluft zwischen Menschenleben und Gottes Vorsehung zu überbrücken. Der traurige Druck sozialer Ungleichheit aber barg zu allen Zeiten den besten Keim für den Gedanken an ein ewiges Leben im Jenseits. „Den Armen ist das Himmelreich!" mit diesem Satze wurde ein halbes Jahrtausend später die halbe Welt des Heidentumes für den monotheistischen Gedanken gewonnen und in dem Gedanken eines Lebens des Individuums nach dem Tode ward auch jetzt jeder Widerspruch zwischen dem äußeren Zustande und innerem sittlichem Verhalten aufgehoben. Je mehr das Volksleben zum Scheinleben ohne Selbstständigkeit gesunken war, je geringer die Hoffnung für die politische Existenz des Volkes geworden; desto mehr zog es sich vom Boden des Universallebens zurück und versenkte sich in das Einzelleben, für welches stets leichter eine Ausgleichung in dem Lebensrütsel zu finden ist. Man hat nicht selten die Ansicht aufgestellt, daß der Unsterblichkeitsgedanke ans dem Parsismus in's Judentum hinein getragen worden sei, weil in den vorexilischen Schriften nur ein unbestimmtes, nicht genau prüzisirtes Ahnen des jenseitigen Lebens in Ausdruck gebracht, während in den nachexilischen Stücken der Unsterblichkeitsgedanke als im Volksbewußtsein liegend erscheint; vgl. Hiob 11. 19, 20; 22, 19; Psalm 92, 8; Jes. 57. 2. Allein mit Unrecht! ' Es gibt Gedanken, die jeder Volksseele gleichsam angeboren sind, die in jedem Volke schlummern und nur des geeigneten Momentes harren, um aus dem Dunkel, in dem sie ruhen, an's Tageslicht zu treten. Bei grundlegenden, aus dem Leben der Natur stammenden Gedanken braucht an keine Entlehnung gedacht zu werden; es sind gleichsam selbstständige Offenbarungen, die jedem Volksgeiste geworden sind. In allem Kümpfen und Ringen des menschlichen Geistes erwacht ein dunkles Sehnen und Sinnen nach dem, was überweltlich und übermenschlich; die Empfindung vertieft sich, und das bedrückte Gemüt sucht das Rätsel der Vergänglichkeit zu ergründen. So lebte sicherlich seit alten Tagen in den Höherstehenden das Ahnen, der Gedanke an die Unsterblichkeit; jetzt aber drang