Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Indem wir darangehe», eine Reihe großer jüdischer Geister uns vorzuführen, müssen wir mit diesem Manne beginnen, dessen Herz so schön und rein, so warm und so voll die ganze Menschheit umschloß. Mit ihm wollen wir den Anfang machen, um das Gespenst des Mittelalters, das noch immer zwischen uns sich drängt, Freund vom Freunde, Bürger vom Bürger trennt, verscheuchen zu helfen, um das Band, das alle Herzen verknüpft, Gesellschaft und Staaten fest zusammen hält, zu kräftigen. Was ist ein Staatsbürger, wenn nicht sein Gemütsleben geklärt und vergeistigt in seiner geläuterten Seele sich abspiegelt! Er dient dem Gesetze und gehorcht der Vorschrift, weil er muß. Wie ganz anders geht das Leben des gebildeten Menschen in dem der Gesammtheit auf! Er liebt das hohe und erhabene Gefühl, das ihn hinzieht zu dem großen Ganzen, er greift ein und wirkt und schafft zur Seite seiner Mitbürger. Was jenem als Gesetz gilt, das verehrt dieser aus reiner Liebe, aus inniger Hingebung. Jener dient dem Gesetze, dieser ist frei und fühlt sich groß durch das Gesetz. Darin liegt die hohe Bedeutung der jüdischen Idee, daß sie durch den Geist der Erziehung, durch die Kraft ihrer moralischen Einheit, das in unserem Innern schlummernde Ebenbild des einig einzigen Wesens, dieses unerforschlichen Weltengeistes, dieser Urquelle alles Wissens, weckt und befreit, den Geist erlöst, der durch das freie Wort Generationen erlösen, erziehen soll. Ein Glaubensbekenntnis, das die ewige Offenbarung Predigt, ist wahr; ihm gehört die Zukunft. So mögen die Bilder, die wir hier vorführen uns als Muster vorschweben, die durch den Geist der Offenbarung erleuchtet im Leben der Menschheit Großes geleistet haben. Aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Altgläubig und freisinnig. Zwei Jünger saßen einst vor einem gelehrten Rabbi, um Worte der Belehrung und sinnige Deutungen aus seinem Munde zu vernehmen. Meister! rief der eine, du bist als redegewandter Lehrer bekannt, beherrschst das Gebiet des religiösen Vortrags, der Hagada, aus diesem Gebiet der jüdischen Homilie unterhalte und erbaue uns. Nein, rief der andere, auch in den Disziplinen der religiösen Praxis, der Halacha, bist du heimisch; nur darüber über Gebot und Satzung belehre uns. — So stritten die zwei Jünger eine Weile, jeder wollte seiner Geschmacksrichtung den Sieg verschaffen und'wehrte standhaft die des andern ab. Höret, sprach der Rabbi, ich will Euch ein Gleichnis erzählen. Ein Mann in den mittleren Jahren hatte zwei Frauen, eine noch junge und eine, die schon im vorgerückten Alter stand, und jede der beiden hätte gern das Aussehen des Mannes ihrem Alter angepaßt. Die junge rupfte ihm deshalb die grauen Haare aus, die alte wieder die schwarzen, so daß er alle Haare verlor und sein Kopf bald kahl wurde. So geht es mir, schloß der Meister mit euch. Sollte man aber nicht beiden Gebieten gerecht werden, nicht beide harmonisch verknüpfen können? Auch in unsrer Zeit meint die eine Partei, der gottesdienstliche Bortrag sei der Schwerpunkt des Kultus, die andere betont die Observanzen, Satzung und Zermonie. Ist nicht auch hier die goldene Mittelstraße die beste? Die Predigt allein kann die Religion nicht in die Häuser