Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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JUtotf Eremiem i. Einleitung. Große Geister gleichen Meteoren, die dnrch die Nacht ihre Bahnen ziehen und weithin den Horizont erleuchten. Der helle Lichtglanz, der ihre Richtung bezeichnet, zerstreut das Dunkel, und die Lüfte sind die Sendboten, durch die sie sich der Welt ankündigen. Große Genieen erscheinen immer wieder auf dem Schauplatze des geselligen Lebens; sie ziehen wie Lichtgestalten auf ihrer Bahn dahin und Hehen unter. Sie verschwinden, aber in der Geschichte lebt ihr Name fort und ihre Thaten wirken Geschlechter hindurch. Das ist das schone Los großer Seelen, sie scheiden aus unserer Mitte und lassen ihr verklärtes Abbild uns zurück. Sie bleiben unsre Ideale, Musterbilder, zu denen wir emporblicken, die wir zu erreichen streben. Der Geist ihrer Worte kehrt in unsere Herzen ein. und ihre Werke und Thaten wecken in uns Begeisterung, veredeln unsre Gesinnung. Wir freuen uns mit ihnen und fühlen uns durch sie gehoben, beglückt. In diesem freien Reiche unseres geistigen Lebens sind wir alle gleich, da gibt es keine Unterschiede; da gilt das Genie, das jeder ehrt und liebt und achtet; da ist jeder Bürger; doch Meister nur der, der im Wettkampf das höchste und schönste Ziel idealer Vollkommenheit erreicht hat. Aber der Mensch wurzelt tief im Schoße seines Geschlechtes, mit dem er dnrch heilige Bande verknüpft ist; er steht unter dem Einflüsse seiner Mitbürger, des Staates, der für die Ausbildung seiner geistigen Anlagen und Fähigkeiten sorgt, wie für Entwicklung und Verwertung seiner physischen Kräfte. Jeder Einzelne ist ein Glied der großen Kette, ein Kind des Hauses, ein Freund des Freundes, ein Genosse seiner Standesgenossen, ein trauter Geführte im geselligen Kreise, ein Bürger im Staate, ein Organ der Menschheit. So steht jeder Einzelne im Mittelpunkte eines weiten Wirkungskreises. Wohl dem, den« es beschießen ward mit überlegener Kraft weit auszuholen und nach allen Richtungen hin veredelnd und wohlthnend zu wirken, zu beglücken im Großen und im Kleinen. Wenige nur hat die Natur berufen, das Geschick einer Nation richtig zu leiten und zu regieren, wenige nur besitzen jene Riesenkraft, aus dem alltäglichen Leben aufzutauchen und sich emporzutragen zur Höhe wahrhaft menschlicher Größe. Zu ihnen blicken wir empor, ihnen vertrauen wir uns, ihnen überlassen wir, das Steuerruder zu leiten mit kräftiger Faust, mit überlegener Einsicht. Wir fragen nicht, wessen Geschlechtes ist der Mann? — Wir fühlen, daß sein Herz begeistert und warm für Freiheit und Vaterland schlügt, wir hören ihn sprechen und sind selbst begeistert, >vir sehen ihn wirken und bewundern. — Ein solcher Mann war Adolf Cremieux. Wir Inden haben ein Recht, stolz auf dieses Lichtbild in der Geschichte Frankreichs hinzublicken, auf ihn zu zeigen und zu sagen, das war ein Jude. Cremieux war ein Jude im wahren Sinne des Wortes. In seinem Herzen lag der feste und sichere Knoten, in dem alle Fäden sich vereinigten, die ihn mit den Herzen seiner Mitbürger innig verknüpften. Er war Jude, Staatsbürger und Mensch.