Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Gewinnes an die Armenpflege zu geben. Man gieng bei dieser Institution von dem Gedanken aus, daß der steigende Wohlstand des Einen die Quelle der Armut des Anderen sei, dessen Geschick nach Kräften gelindert werden muß. Nicht der, welcher viel betete, war ein Mann der Gerechtigkeit, sondern der, welcher von sich sagen durfte: „Ich bin des Blinden Auge, des Lahmen Fuß, des Dürftigen Vater, des Fremdlings Anwalt, ich leide mit den Bedrängten, ich trauere mit den Jammernden." In jeder Stadt waren drei Armenvorsteher, die zwei Kassen verwalteten, die eine für ansässige, die andere für durchreisende Arme, und man gieng von dem Prinzipe ans, dem Sinkenden zil helfen und nicht erst abzuwarten, bis Jemand bereits gesunken war. Wenn Jemand in seinen Vermögensverhältnissen zurückkam, der früher zu reiten gewohnt war, so ließ man ihn als Armen nicht zu Fuß gehen. Ein Stück Huhn und ein Glas guten, alten Weines verlangte einst — so wird uns im Talmud erzählt — ein durchreisender Armer von dem Armenverweser eines Ortes und begründete seine seltsanie Forderung mit den Worten: „Ich bin nicht der Gemeinde, sondern Gottes Last." Es' ließe sich vielleicht einwenden, eine solche Wohlthätigkeit sei zu weit getrieben und praktisch gehandhabt müsse sie den Schaffenstrieb ertöten und den Balsam der Nächstenliebe in ein Gift umwandeln, allein die Geschichte spricht dagegen. Beim Untergange der Republik waren in Rom 1 Million Sklaven, 50,000 Peregrinen, 1,250,000 Proletarier. Dort galt Arbeit und Lohn als entehrend und Handwerker waren, weil ihnen angeblich der Adel der Gesinnung fehlte, nicht als Bürger angesehen. Von den alten Germanen berichtet Tacitus, daß dieselben es für feig und unwürdig hielten, im Schweiße des Angesichtes zu arbeiten und zu erwerben, und die Gallier verabscheuten jede Art von Arbeit und hielten den Ackerbau für schimpflich. Nichtsthun galt als Noblesse, Arbeit galt als Schande. Wie ganz anders in Palästina, wo es nie zu Sklaven- und Proletarieraufständen kam! Wie wird da die Arbeit gepriesen und verherrlicht! Pinehäs bearbeitet gerade Steine, als ihm die Nachricht wird, daß er zum Hohenpriester erwählt wird. Mit dem Handwerk beschäftigten sich berühmte Männer wie Abba Josef, Ada, Nahum,- Nathan, Hillel, Akiba, Bar Jlai, Ben Chananja, Jose, Josua, Chanina, Ami, Jochanan, Jsak, Simeon, Nehemia, Aba Oschajah, Abin, Chaninah u. n. A.. die zugleich die vornehmsten Juristen und Schriftgelehrten waren und an den Hochschulen als Männer von größtem Einflüsse galten. Nur von solchen Männern konnten Sätze ausgesprochen werden wie: „Mache den Sabbat zum Werktage und bedarf nur der Leute nicht", „Selbst zu innerlich widerstrebenden Arbeiten verdinge sich der Mensch und bedürfe nur der Leute nicht", „Decke totes Vieh auf der Straße ab und sprich nicht: ich bin ein Priester oder: ich bin ein großer Mann und das Geschäft ist mir gehässig." Möge man aus diesen Ansführungen erkennen, wie notwendig es ist, anstatt gegen den Talmud zu schreiben, denselben zu lernen, und wie viel noch auf einem Gebiete zu thuu ist, wo die Ideen des Judentums und seiner Tochter, des Christentums, noch nicht praktisch geworden, weil das auf dem heidnischen Prinzipe ruhende Römische Recht noch nicht gebrochen ist und immer noch unheilbringend fortwirkt. X : ■ <■ . &&&>' . .- ' - :• ' : .,r - .'---—-