Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 zu der die Völker in verschiedenster Weise Stellung genommen haben. Wer in Rom einen Pflugochsen tötete, für den bestimmte die dortige Gesetzgebung die Todesstrafe, während daselbst wegen Ermordung eines armen Sklaven Niemand zur Rechenschaft, gezogen werden konnte. Sklaven arbeiteten gefesselt in Bergwerken und wie Haushunde lagen sie vor den Thiiren ihrer Brotherren. Für Cato sind Tiere und Sklaven ein und dasselbe und Römer und Römerinnen ließen den Sklaven die Hände abhauen, die Zunge ausschneiden, letzteres damit sie geheime häusliche Sünden nicht verraten. Im Amphitheater ließ der Herr seine Sklaven den Bestien hinwerfen und auf die Tiberinsel wurden Sklaven, die alt und schwach geworden, von ihren Herren ausgesetzt, um dort zu verschmachten. Ein zahlungsunfähiger Schuldner konnte von seinem Gläubiger in ein Privatgefängnis gesperrt, auch als Sklave verkauft oder getötet werden. Hatte ein solcher Schuldner mehrere Gläubiger, so konnten sie ihn töten und seinen Leib in Stücke schneiden. Aus all' diesem geht hervor, daß das römische Recht, das heute noch in vielen Punkten nicht durch das Christentum überwunden , ist, der Humanität ganz und gar entbehrt, die nur im göttlichen Geiste wurzeln kann. Es kann uns bei einer solchen Behandlung der Fremden und der Sklaven weiter gar nicht Wunder nehmen, wenn bei den Römern von einer Arinenpflege in unserem Sinne auch keine Spur anzutreffen ist. Virgil schildert einen großen Philosophen und rühmt dessen Herzenshärte und preist ihn. weil er mit einem Notleidenden nie Erbarmen empfinde. Armut galt als schmachvoll und Plautus hält die Unterstützung von Hungernden durch Speise und Trank für eine Grausamkeit, durch welche nur ein elendes Leben verlängert wird. Nach Plato soll man die Bettler polizeilich verjagen, „damit das Land auf einmal von dieser Tiergattung befreit werde." „Wird der Arme krank", sagt derselbe Philosoph, „so mag ersterben, der Arzt soll sich keine Mühe um ihn geben, ihn zu heilen." Cicero meint, Mitleid zu empfinden, sich davon leiten zu lassen, sei eine Thorheit, ein Frevel, des Mannes unwürdig. Nur aus politischen Gründen, um das Volk von Unruhen und Aufständen abznhalten, soll man ihm Brot geben. Den Tugenden der Römer fehlt der milde Glanz der Humanität! wie ganz anders bei den Juden schon in Palästina und Babylonien. Als der Astronom Samuel einst im Zorne seine Magd beleidigte, hatte er ihr die festgesetzte Buße für die angethane Ehrenbeleidigung zu leisten, denn nur über die Arbeitskraft, nicht über die Ehre der Diener hat der Herr zu gebieten und zu herrschen. Der gemietete Diener aß mit dem Herrn an einer Tafel und nicht durfte er auf Flaumen ruhen und auf Stroh den Diener betten. Als Nichtswürdigkeit galt es, Jemandem ein Darlehen zu verweigern und bei einer Pfändung mußte der Gläubiger das Hausrecht respektieren. Jeder Arme hatte in Palästina gegen den Begüterten i bestimmte Rechtsansprüche auf Unterstützung und die hebräische Sprache hat kein Wort für „Almosen". Zur Bezeichnung von Wohlthätigkeit und Gerechtigkeit wird ein und dasselbe Wort „Zedakah" gebraucht und kennzeichnend für die; Humanität, von der das jüdische Armengesetz erfüllt ist, ist der Satz: j „So viel der inildthütige Wohlthater dem Armen an Hilfe bietet, er hat gleich- ' wohl von demselben mehr empfangen". Weigerung von Unterstützung galt als „Raub verübt an Schwachen". Neben den vergessenen Garben, den Ecken der Felder u. n. A. war auch ein Armenzehnt eingeführt, eine Institution, auf die neuerdings Ritter von Gnttmann die Aufinerksamkeit im niederösterreichischen Landtage gelenkt hat. Jeder hatte den zehnten Teil des aus seiner Beschäftigung gezogenen