Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 95 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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95 neuen Gebeten in hebräischer Sprache. 5) Die Thora wird nicht auf Pergamentrollen geschrieben. 6) Schlachtgesetze sind aufzuheben. 7) Die jüdischen Feste werden ohne die in der Bibel unbegründeten Tage gefeiert, die Trauertage um die Zerstörung Jerusaleins fallen weg und Ehanuka und Purim sollen vollständigen Festcharakter an sich tragen. 8) Wucher wird strengstens verpönt ebenso die Haltung von Prostitutionshäusern. Nur in Rußland ist es möglich, daß das Judentum in solchen unvermittelten Extreinen, die Zeichen einer tieferen inneren Erkrankung sind, in Erscheinung tritt. Bei Neubesetzung von Rabbinaten in den Synagogen kommt es häufig zu Schlägereien, bei welchen die Polizei eingreifen muß und in Gotteshäusern, den Stätten des Friedens, nehmen oft wilde Leidenschaften ungezügelt ihren Weg. An den meisten Orten ist schon das Streben nach besserer Erkenntnis, selbst ans dem Gebiete des Judentums, noch sehr verpönt. So fielen jüngst die Frommen über junge Leute her, welche sich verbunden haben, wissenschaftliche Werke gemeinsam zu lesen. Ein Beobachter russischer Verhältnisse meint, die Juden in Rußland wären gegen die übrigen im Westen Europa's um ein Jahrhundert zurückgeblieben. Es herrscht fast überall geistige Nacht und moralische Stagnation. Als Religion gilt dort ein Wust von Zeremonieen, Gebräuchen und allerlei Aberglaube, und mit der materiellen Not hält geistige religiöse Armut gleichen Schritt. Die Jugend, die der Talmud nicht mehr anzuziehen im Stande ist, wird religionslos, nihilistisch. Den Einen gilt Unwissenheit in weltlichen Dingen als Frömmigkeit, während die Anderen nach Scheinwissen haschen und mit dem Aberglauben auch den Glauben vertverfen. Von einer Riickkehr zur reinen Religion des Judentums, wie sie Mose und die Propheten gelehrt, war bis jetzt keine Spur wahrzunehmen. Das religiöse, sittliche und geistige Leben ist in eine finstere faule Versumpfung verfallen. Die Juden, meint jener tüchtige Beobachter der Zustände innerhalb des Judentums, müssen nicht nur darauf bedacht sein, einseitig ihre materielle Lage zu verbessern und ihre zeitlichen Interessen zu fördern, sondern sich auch geistig und religiös zu erneuen. Wie einst in alten Zeiten, treten aber auch jetzt, iiberall statt der echten, falsche Propheten in Israel auf, die ihres Volkes Ohr mit allerlei scheichelnden Melodieen berücken und es über den Ernst seiner Lage täuschen. Es fehlt den Juden ernste Selbstprüfung. Allerdings habe man allen Grund gehabt, in die Juden in Deutschland alle Hoffnung zu setzen, denn ein unstillbares Verlangen nach religiöser Erneuerung habe da noch bis in die siebziger Jahre hinein seine großen Geister ergriffen, aber man hat ihnen nicht gefolgt und die gegenwärtigen inneren Zustände des Judentums lassen viel zu wünschen übrig und ist fast überall geistiger Niedergang und Verfall zu verzeichnen. — Das Reich der Erfindungen! in orthodoxen Kreisen dehnt sich immer weiter aus nicht zu besonderer Ehre des Judentums. Ist ja sogar, wie man uns von einem .Orte in Baden be-; richtet, eine Koscher-Cigarre in geschäftlichen Betrieb gelangt, über die in gedruckten Annoncen ein Bezirksrabbiner Referenzen erteilt. Wenden wir uns noch zu einigen erfreulichen literarischen Erscheinungen. Herr Dr. Neumann, Mitglied des Zentral-Komites der israelitischen Allianz, hat in einer Schrift „die neueste Lüge über die israelitische Allianz, ein Probestück aus der antisemitischen Moral" (Berlin, 1883) gegen Fälschungen des Ii'^utmsmitiguo in Bezug auf dieses Institut, die auch in deutschen Blättern empfehlenden Abdruck gefunden haben, sich gewendet und die plumpen, ans Haß stamnrenden Entstellungen über diesen Verein widerlegt. Interessant ist, daß diese „goldene Internationale" wie die Feinde die Allianz zu nennen belieben, selber mit Geldnot ringt und