Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2969669-2969712-2969717--1020-2971463- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
88 Anziehungskraft ausgeübt habe, so daß die jüdischen Behörden sich ernstlich gesetzgeberisch mit dem Zutritt der Heiden ins Judentum beschäftigten. Am meisten hat der Proselytismus in dem halben Jahrhunderte zwischen dem Falle Jerusalem's und dem Hadrianisch-Bar-Kochbaischen Kriege geblüht, ohne daß durch Missionäre Thätigkeit für das Judentum Propaganda gemacht wurde. Seneca und Tacitus klagen über Zunahme der jüdischen Religion unter den Römern. Josephus und Dio Cassius erwähnen aus Domitians Zeiten Uebertritte römischer Patrizier in's Judentum, die Drusus mit Güterkonfiskation und Tod bestrafte. Unter Nerva gestalteten sich die Verhältnisse für Proselyten günstiger, durch ein Dekret wurde bestimmt, daß Niemand wegen judaisirender Lebensweise angeklagt werden diirfe. Zu dieser Bewegung mußte die jüdische Behörde in Jammia Stellung nehmen. In jener Zeit unter dem Patriarchate R. Gamaliels II. wurde die Verwünschungsformel gegen die Minäer und Angeber, denen keine Hoffnung sein soll, eingeführt, wie auch die Benediktion für die Proselyten im täglichen Gebete. Zur Diskussion gelangte natürlich auch die Zirkumcisionsfrage in ihrer Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit für die Aufnahme in den jüdischen Verband. Grätz nimmt an, es habe Voll- und Halbproselyten gegeben. Nach R. Josua genügte auch die Taufe in Quellwasser allein, um schon als Vollproselyte angesehen zu werden. Die Halbproselyten verehrten den Gott Israels, sagten sich vom Götzendienste los und mußten ihr Bekenntnis vor drei Gesetzeskundigen ablegen. Als Juden mit Heiden zusammenlebten, wurde ferner bestimmt, um das friedliche Zusammenlebenzu fördern, neben silbischen Armenverwesern auch heidnische anzustellen, heidnische Arme wie jüdische zu versorgen, heidnische Kranke zu besuchen, ihre Leichen zu bestatten und ihnen Grabreden zu halten, ihre Trauernden zu trösten und die Nakten zu bekleiden. Schon die Lossagung vom Götzendienste und die Uebung der sieben nochaidischen Gebote allein genügten, uin als Jude zu gelten, wenn auch Rigorose nur Vollproselyten, die die ganze Gesetzeslast mit auf sich nahmen, als ebenbürtige Juden ansahen. Die Geschichte weiß uns von vielen Proselyten zu erzählen, so von Akylas aus Pontus, von der Römerin Veturia Paulla, die siebzigjährig zum Judentums übertrat und 86 Jahre alt wurde. Besonders war es Epaphroditos in Rom, um den sich ein großer proselytischer Kreis schaarte. Josephus, der für die Nation sich nicht erwärmen konnte, war von dem Bestreben erfüllt, auf literarischem Wege die Heiden für's Judentum zu gewinnen und wie später Paulus, hat er die Zirkumcisiou nicht als Bedingung hingestellt, um in das Judentum ausgenommen zu werden. Die Reise der Synhedristen nach Rom bringt Grätz in Zusaininenhang mit der Stelle in: Evangelium Matthäus (25, 15):' „Weh' euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr Land und Wasser befahret, um einen Proselyten zu machen" und bezieht sie auf den Uebertritt des Flavius Cleinens, Vetter des Domitian und des Titus, der hingerichtet wurde. Es ist nichts Auffallendes, daß gerade mit deni Falle Jerusalems die Zuneigung zum Judentume unter den Völkern gewachsen ist, denn nur das Nationale, Trennende hat die Völker abgestoßen wie noch heute, während das Religiöse, Verbindende, die nach dem Heile dürstenden Geister und Gemüter mächtig anziehen mußte. Es ist eine interessante Partie der jüdischen Geschichte, die auch Laien mit Nutzen für ihre Erkenntnis und mit Befriedigung lesen werden, zumal sie Grätz mit an ihm gewohnter Klarheit und Meisterschaft , behandelt. — Der Vorstand des Jugendbildungs-Vereins in Glogau versendet seinen ersten Jahresbericht. Sein Streben geht dahin, in jetziger Zeit, wo das Judentum auf der Tagesordnung der deutschen journalistischen Literatur steht,