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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-04-01 · Heft 4 (1.4.1884) · p. Seite 85

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (1.4.1884)
Date
1884-04-01
Page
Seite 85 (sequence 13)
Language
German
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— 85 — den ungeheuren Menschenmassen, welche bei den Einfällen der Hunnen und Mongolen und sonstigen Gelegenheiten zertreten wurden. Aber weit Schlimmeres, ja das Schlimmste hat man den Juden angethan: man hat ihnen nicht blos den Leib zertreten, sondern auch die Seele! Man hat sie zur verächtlichsten und schmutzigsten Existenz erniedrigt, auf das entwürdigendste Gewerbe zur Fristung ihres Daseins angewiesen! In der 2. Periode der jüdischen Geschichte gab es noch keine jüdischen Wucherer; diese erzeugt erst die 3. Periode, die mit der Mitte des 11. Jahrhunderts beginnt. Von nun ab werden die Juden immer mehr und mehr die Parias unter den' Völkern, und dieses traurige Dasein zieht sich bis zur französischen Revolution im Großen und Ganzen unverändert hin. Erst die französische Revolution nimmt die Schmach vom jüdischen Volke. — Die neuere Geschichtsauffassung, bemerkte der Vortragende, ist vielfach dazu gelangt, die französische Revolution zu verurteilen. Es seien in ihr keine neuen Gedanken hervorgetreten, das Gute, das sie in ihrem Gefolge hatte, wäre auch auf anderem Wege zu erreichen gewesen. Den: gegenüber giebt der Vortragende zu bedenken, daß die Bedeutung eines welthistorischen Ereignisses nicht immer darin bestehe, daß es Neues schafft, sondern daß es das bereits hervorgetretene Neue durchsetzt und zur Anerkennung bringt. Daß die französische Revolution den Juden thatsächlich Rettung gebracht, ist nur eine Seite ihrer welthistorischen Bedeutung. — Ehe sich nun der Vortragende der Darstellung dieser Rettungsgeschichte im Einzelnen zuwendet, wirft er noch einen Blick auf die damalige jüdische Bevölkerung Frankreichs. In Frankreich war man nach der Methode verfahren, die darin besteht, daß man die Citrone wegwirft, nachdem man sie wiederholt ausgepreßt. So ergieng 1394 an die Juden Frankreichs das Edikt der Auswanderung, das mit dem Vordringen der Franzosen und der Vertreibung der Engländer über immer weitere Gebiete Ausdehnung fand. 1502 gab es keine Juden mehr auf französischem Boden. Die jüdische Bevölkerung, die Frankreich iin Laufe des 17. Jahrhunderts wieder hatte, sonderte sich in drei Gruppen, deren jede durch ihre Schicksale und Herkunft sich charakterisiert. Am tiefsten standen in kultureller Beziehung die Juden, die Frankreich durch die Eroberung des Elsaß bekommen hatte; diese Juden hatten am meisten unter dem Drnck ihrer Erwerbsverhältnisse und der gegen sie geltenden Maßregeln gelitten. Besser stand es um die Juden von Avignon (aus deren Mitte die Familie Cremieux' stammt). In jenen päpstlichen Enklaven hatte man die Juden geduldet; sie sollten bleiben und leiden; sie sollten, auch wenn sie schwiegen, laut zeugen von den Strafen für die Verleugnung der Kirche. So lebten sie ja auch in Rom. Das entsprach den päpstlichen Intentionen. Eine dritte Kategorie von Juden hatte Bordeaux. Sie stammten aus Spanien und gehörten zu denen, die der Gewalt nachgebend das Christentuni angenommen hatten. Bei ihrer Einwanderung bezeichneten sie sich als nouveaux chr^tiens und erhielten als solche das volle französische Bürgerrecht, Daß sie aber heimlich dem Judentum anhiengen und als Juden lebten, ivurde schon in der ersten Zeit ihrer Niederlassung bemerkt. Ihre Konkurrenten wiesen öffentlich darauf hin und verlangten, sie den gleichen Beschränkungen mit den Juden des Elsaß unterworfen zu sehen. Bei der hohen gesellschaftlicheil Bedeutung aber, welche die Mitglieder dieser Einwanderer in kurzer Zeit sich erwarben — viele von ihnen waren als Gelehrte, Aerzte, Schriftsteller hervorragend, viele sogar in den hohen Adel eingetreten*) — war es die Kommune von *) Der Vortragende nannte hierfür eine Reihe Namen

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