Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-04-01 · Heft 4 (1.4.1884) · p. Seite 84

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (1.4.1884)
Date
1884-04-01
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969712-2969717--1016-2971459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

84 Revolution. Sie leitete eine neue Wendung, eine neue Periode der Geschichte ein. Allein, so führte der Vortragende aus, die Perioden der jüdischen Geschichte fallen sonst nicht mit denen der allgemeinen Völkergeschichte zusammen. Die Zerstörung des zweiten Tempels schließt die erste Periode der jüdischen Geschichte ab; es beginnt die zweite. Mit den römischen Legionen zieht der jüdische Kaufmann nach allen Weltrichtungen und Provinzen des römischen Reiches. Er kommt nach Gallien und an den Rhein. Seine Niederlassung in den Städten am Rhein ist schon für diese frühe Zeit (des Urgermanentums!) nachweisbar. Als Fremder genießt er zwar im römischen Reiche keine politischen Rechte; er ist aber auch keinerlei Beschränkungen unterworfen. So lebt er auch später im germanischen Reiche. Dieser Zustand dauert für ihn bis zum Ausgang des 11. Jahrhunderts fort. Es beginnt die 3. Periode seiner Geschichte, die traurigste und unseligste. Der klerikale Fanatismus jener Zeit trägt zwar die Hauptschuld; aber er ist es nicht allein. Ein zweiter Grund für die unglückliche Wendung der Verhältnisse, unter denen die Juden bis dahin existiert hatten, lag in der allgemeinen wirtschaftlichen Bewegung der Zeit, Dieser Umstand wird gewöhnlich übersehen. In der Mitte des 11. bis Anfang des 12. Jahrhunderts bilden sich in Deutschland die Innungen und Gilden, die jede unliebsame Konkurrenz auszuschließen ihre Macht nicht unbenutzt lassen. Die Juden werden aus ihren Besitz- und Erwerbsverhältissen verdrängt und auf den Geldhandel gewiesen. — Denkt man daran, daß der Vortragende auf dem Gebiete der deutschen Geschichtsforschung eine allgemein — auch von Herrn v. Treitschke — anerkannte Autorität ist und besonders über das 11. und 12. Jahrhundert und in den frühern Epochen der deutschen Geschichte weitverzweigte Quellenstudien gemacht hat, so wird man es würdigen, wenn er es als Ergebnis der neuern Forschung, das nicht zu bezweifeln ist, hinstellt, daß vor dem 12. Jahrhundert nirgends von jüdischem Wucher und jüdischen Wucherern die Rede ist, obschon während der ganzen vorangegangenen Zeit viel gewuchert wurde. Bis zu dem genannten Zeitpunkte besorgten die Kl ö st er die Geldgeschäfte, wenn beispielsweise ein Ritter zu einem Kriegszuge oder zur Ausstattung einer Tochter Geld brauchte. Es war dies die Zeit „der Ansammlung des Kapitals in der toten Hand." Nun aber traten die kanonischen Wuchergesetze, die schon immer bestanden hatten, aber wenig beachtet wurden, in schärfere Geltung. Von den Bestimmungen dieser Gesetze waren die Juden ausgeschlossen. Man durfte von ihnen Wucher nehmen und ihnen durfte man auch Wucher geben. So war den Klöstern für die Verwendung ihres Kapitals ein Hinterpförtchen offen gelassen. — Im Hinblick auf die Art und Weise, wie man die Juden immer ausschließlicher auf den Wucher anwies, ja zu demselben hindrängte, äußert der Vortragende im Pathos einer tief empfundenen Schmach: Man hat oft auf das Martyrium des jüdischen Volkes hingewieseu. Allein die am Ende doch nur wenigen Tausende, die der Glaubensfanatismus hie und da hingeschlachtet hat, hätten, welthistorisch betrachtet, nur wenig zu bedeuten gegenüber kollegiums der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und andern dem Judentume näher stehenden Männern der Wissenschaft zu Gunsten des Stipendiensvnds der genannten Anstalt gehalten werden. Zu der letzten Kategorie der Vortragenden gehört auch Herr Or. Breßlau, Professor der Geschichte an der hiesigen Universität. Es ist dies das erste Mal, soweit Referent es weiß, daß Herr Prof. Breßlau öffentlich über ei» jüdisches Thema vortrug. Aber sein Interesse am Judentum hat er bereits vor Jahren in deni osfencn Sendschreiben bekundet, das er an seinen Kollegen v. Treitschke gerichtet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.