Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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81 moderne Pessimismus Ausdruck der Trostlosigkeit wurde, die sich der Geister und Gemüter bemächtigte, da der scheinbar anbrechende Völkerfrühling rasch zusammenbrach, ohne auch nur annähernd die Hoffnung der Zeit zu erfüllen, so schuf jetzt der Widerspruch, in dem sich der Znkunftsgedanke des Volkes mit der matten Wirklichkeit befand, eine gewaltige Versumpfung, in deren allgemein gewordenem Elend die gebrochene Volksseele wild aufstöhnte. Das Volk hatte übernatürliche Hilfe von Gott, ein Reich, in dem paradiesischer Segen und Friede herrschen würde, erwartet; es hatte gehofft, die heidnische Welt werde sich ihm willig und freundlich in der Arbeit der Zukunft zur Seite stellen; wie elend und dürftig aber war die Gegenwart! Ein Schrei wilder Verzweiflung entringt sich der Tiefe des Volksgeistes, der in dem Buche Kohelet*), dem großen Monolog mit der endlosen ') Der skeptisch-realistische Charakter des Buches hat schon früh bei den Rabbinen Anstoß erregt und beinahe seine Ausscheidung aus der Reihe der heil. Schriften bewirkt. S. Pesikta rabb. 18; Pesikta de R. Kahana ed. Buber 68a; Lev. r. 28; Koh. r. zu 1, 3; Sabb. 30a u. d., 151); Meg. 7a; Kelim 15b; Jadaim 3, 5; Edujot 5, 3; Ab. de R. Nathan 1; ähnlich auch Hieronymus in seinem Commentar zu 12, 14, Sever. Binnii concil. gener. II. 335a, 537a, Philastr. d. Class. III haer. 83; Bibi. Patr. III. vol. 42. Barhebräus (gest. 1286) nahm an, Salomon habe in Kohelet die Ansicht des Pythagoräers Empedokles. es gebe keine Unsterblichkeit, verteidigt. Das Buch gibt sich als Werk „des Sohnes Davids, Königs von Jerusalem" aus, (1, 1; 12, 9) und wurde auch von alters her dem Salomo zugeschrieben, auf den allein diese Bezeichnung, wurde sie wortgetreu genommen, bezogen werden konnte (vgl. B. batra 14b, auch Danto hist, revel. div. p. 515), wenngleich es auch Einzelne den Männern Hiskias (vgl. Spr. 25, 1 mit B. batra 14) zuschrieben. Schon Luther bestritt in der 1524 geschriebenen Vorrede zur deutschen Übersetzung und in seinen Tischreden ed. Erlangen S. 62, 128, die Autorschaft Salomos: „Dies Buch sollte völliger sein, ihm ist zuviel abgebrochen: es hat weder Stiefel, noch Sporen, es reitet nur in Socken, gleichwie ich, da ich noch im Kloster war. Ich gläube nicht, daß Salomo verdampt sei, sondern dies ist geschrieben, Könige, Fürsten und Herren zu schrecken. So hat er selbst das Buch, den Prediger, nicht geschrieben, sondern ist zur Zeit der Maccabäer von Sirach gemacht." (S. hingegen seinen lat. Comment. Ecclesiastes Salomonis cum annotationibus ed. Erlangen. 1532, lat. T. 21, p. 1, 88.) Hugo Grotius hat der althergebrachten Anschauung durch wissenschaftliche Beweise in seinen annott. ad. Coh. praef., ferner zu Cap. 7, 26; 12, 4 die stärkste Bresche geschlagen; er dachte sich Zerubabel als Veranstalter dieser Sammlung von Sentenzen. Ebenso versuchte dies uach ihm Herm. v. d. Hardt (de libro Coheleth 1716), der Josua, den Sohn des Hohenpriesters Jojada (Neh. 12, 22) als Verfasser des Buches annahm. Tatsächlich dürfte es wenige Kritiker, selbst in konservativen Kreisen geben, die die Autorschaft Salomos, oder auch nur die Abfassung des Buches in solch früher Zeit aufrecht erhalten wollten; denn die Stimmung, die sich durch diese Schrift zieht, ist eine solch trübe, wie sie in der Zeit Salomos, in der Glanzperiode des jüd. Staatslebens, unmöglich vorhanden sein konnte; auch wird bei der Aufzählung der Schwächen des Menschen der Götzendienst mit keinem Worte erwähnt; endlich ist der ganze Sprachcharakter des Buches ein später, die Partikel häufen sich, die Satzconstruction ist ziemlich ungefügig und „das Hebräische ist hier schon so stark vom Aramäischen durchdrungen, daß nicht blos einzelne häufige Worte ganz aramäisch sind, sondern auch in dem feinsten Geäder der fremde Einfluß vorbereitet ist". (Ewald, die Dichter des alten Bundes II., 268, vgl. auch hiezu Keil. Einleit. S. 384). Nach Philippson a a. O., Einleitung zu d. B. wäre die Abfassung in eine geraume Zeit nach Esra und Neh. zu setzen, in der aber der Aufschwung zum Besseren, wie er durch Nehemia herbeigeführt wurde, die düstere Stimmung, die das Buch beherrscht, nicht begreifen ließe. Noch tiefer drückt es Grätz (Monatsschrift 1869 S. 481 f., dess. Comment. zu Koh. 1872 und Gesch. IV. S. 252 f.) hinab. Er läßt es in der Zeit Herodes, gleichsam als Schmähschrift gegen ihn und seine Regierung entstehen; allein dann wäre zunächst unbegreiflich, wie dem Könige selbst die Schmähungen gegen sich und sein Regiment in den Mund gelegt werden konnten; zudem hat die Annahme eines so späten hebräischen Schrifttums, wenngleich von maccabäischen Psalmen viel gesprochen wird, nach unserer unmaßgeblichen Meinung wenig Berechtigung - die ursprüngliche Kraft der Sprache war erlahmt, die Mischnah zeigt es am deutlichsten; auch ist es nicht zufällig, daß wir die Apokryphen, mögen auch einzelne Stücke derselben ursprünglich hebräisch gewesen sein, nur in griechischer Sprache besitzen. Die Sprache im Koheleth hat keine Ähnlichkeit mit der in der Mischna und die Gräcismen sind eher hinein-