Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Das babylonische Grit und das Jahrhundert nach demfetven mit besonderer Werückhchtigung auf die religiöse Entwicklung des Judentums. Von vr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Teplitz. (Fortsetzung.) Thatsächlich strebten die Söhne Josua's und mit ihnen wol das ganze Priestergeschlecht es an, die ursprünglich dienende Stellung, die sie in der' Gemeinde einnahmen, von der sie nach dem Gesetze in jeder Beziehung abhängig waren, in eine herrschende zu verwandeln. Rings umher breiteten sich die Feinde Juda's aus; es fehlte an einer kräftigen Hand, die fest und sicher die Zügel führte, um die Selbständigkeit und Söuveränetät der Gemeinde zu sichern. Diesen Umstand wußten die Priester für sich zu verwerten; um an Festigkeit nach Innen hin zn gewinnen, verbanden sie sich mit den Feinden des Heiligtums; die Kinder Josuas ehelichten heidnische Weiber, um an den Fremden Stützen für ihre Machtstellung in der Gemeinde zu gewinnen; in den Häusern, die berufen waren Träger des Rechtes Jahve's zu sein, nährten heidnische Weiber heidnisches Leben und heidnische Sitten — das waren die schmutzigen Gewänder, in denen Josua vor dem Herrn stand. (Sech. 3, 1 ff. vgl. Sanh. 93a.) Waren aber die Häupter bes Volkes ohnmächtig und schwach, wie wühlte erst der Moder der Fäulnis an den Gliedern! Mislicher und trauriger noch gestalteten sich die Verhältnisse, nachdem Zerubabel vom Schauplatze seiner Tätigkeit abgetreten war. Wahrscheinlich folgten ihm heidnische Paschas (vgl. Reh. 5, 15), die das Volk in schrecklicher Weise bedrückten. Die Kinder der Gola waren jetzt nur scheinbar frei, thatsächlich aber gefesselt, auf eigenem Boden Knechte, deren Einkommen sich im günstigsten Falle blos für die Machthaber, die über Leiber und Besitz nach Willkühr schalteten (vgl. Reh. 9, 36), mehrte. Schwer ruhte auf dem Volke die Steuerlast, die ihni hartherzige, schwelgerische Paschas, unterstützt von frechen übermütigen Knappen (Reh. 5, 15), auflegten; Brod und Wein, die einzigen Erträgnisse des karg gewordenen Bodens, (vgl. Hag. 1, 6; 2, 15) mußten in unerschwinglichen Quantitäten geliefert werden, so daß Not und Elend in schrecklicher Weise überhand nahmen; dazu bemächtigten sich noch Habsucht und Hartherzigkeit der Situation; die Reichen wurden die Tyrannen der Armen, die erst Ackerland und Weinberg, bald aber selbst die eigenen Kinder an geizige Reiche und pflichtvergessene ^ßriefterx) verpfändeten. (Neh. 5.) Das ganze Elend des asiatischen Despotisinus mit der noch unerträglicheren Paschawirtschaft, deren unberechenbaren Launen, deren unersättliche Geldgier und Verschwendung, die Verachtung alles Rechts von Seiten ungerechter Richter waren über das Land hereingebrochen; (Koh. 8, 3, 4; 10, 4, 6; 3 16, 4, 1 f.; 7, 7, 8, 9) und wie es noch allenthalben und stets der Fall gewesen, mit der Corrumpirunq der Spitzen nahm auch das sittenlose, gottvergessene Treiben der Menge überhand (vgl. Esra 4, 1; 9, 1 f., Neh. 1, 3 f.; 2, 10, 19; 3, 33; 4, 1; 10, 10 f.) Was Wunder, wenn der äußere Druck, inneres Elend, Abspannung und Erschlaffung in den Gemütern und Lähmung in den Geistern erzeugte! Wie der ') Über den Sinn von Neh. 5, 12 s. Rosenzweig a. a. O. S. 21.