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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-04-01 · Heft 4 (1.4.1884) · p. Seite 79

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (1.4.1884)
Date
1884-04-01
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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79 Ein Ochs stürzt nun heraus — Und trinkt das Wasser aus. — Der Schächter ihn ergriff, — Das Messer scharf er schliff. — Der Todeseugel kam, — Des Schächters Leben nahm. — Auch dem Tode Gott vergalt, — Der Freiheit liebt, nicht Gewalt. Der Sinn dieses Gleichnisses ist: Gott will Freiheit und Gesetzmäßigkeit, nicht Gewalt, Druck und Zwang. Die Aegypter, welche Israel knechteten, kannten nicht den lebendigen Gott, der die Menschheit schützt und leitet; sie beteten ein Tier, die Sonne, den Mond und andere N a t u r g e g e n st ä n d e an. In der Natur aber herrscht keine Freiheit, herrscht liberal! nur Gewalt, da besiegt das Stärkere das Schwache, das mächtigere Element vernichtet, bändigt, verzehrt und überwältigt jedesmal das an Macht und Kraft geringere. Der Glanz des Mondes verblaßt am Tage vor dem mächtigern Sonnenlicht, die stolze Ceder wird vom Sturme erfaßt und entwurzelt; ein Bergesriicken, majestätisch himmelanstrebend, schaut seit Jahrtausenden hinab auf die vorüberziehende staunende Menschheit, bis ein furchtbarer Orkan über denselben dahinführt und ihn zerreißt, zerbröckelt, in einen weiten Steinhaufen auflöst. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Märchen, welches au den beiden Passahabenden gesungen wird, in welchem das Lämmchen von einem stärkeren Tiere ergriffen und überwältigt wird, und dieses wieder seinen Meister in einem noch stärkeren findet. Das Element des Feuers wird darin von dem noch fnrchtbarern des Wassers überwältigt. So besiegt eine Kraft die andere; aber vor der Allgewalt Gottes kann keine Macht bestehen. Die Völker des Altertums, welche nur eine Naturkraft und keinen Geist, keinen Menschengeist nird keinen Gottesgeist anerkannten, gelangten naturgemäß dahin, Menschen zu unterdrücken und zu knechten, wie ja in der Natur immer das Starke das Schwächere, der Hund die Katze, das Wasser das Feuer überwältigt. Pharao, der Naturaubeter konnte daher als mächtiger Tyrann gar keine Sünde darin finden, ein schwaches Volk nach Lust und Laune zu seinem Nutzen auszubeuten. Wer keinen barmherzigen Gott, keinen Herrn über sich anerkennt und wie jener Zwingherr ruft: Wer ist der Gott, auf dessen Stimme ich hören soll? der kann auch folgerichtig den Menschen keine Freiheit, kein Recht zngestehen, der hat keine Teilnahme, kein Mitgefühl, sondern handelt despotisch, eigenwillig nach Willkühr und Laune. Seine Gottheit, die Natur, kennt keinen freien Willen, warum sollte er ihn seinen Unterthanen lassen? seine Gottheit ist gedanken- und verstandlos, warum sollte es Sünde sein, den Menschen zu einem gedankenlosen, stumpfen Wesen und Werkzeuge zu erziehen? Die Anschauungen von Naturgewalt und Naturkraft führen zur Knechtschaft; nur der Glaube an einen höchsten Richter, an einen befreienden und erlösenden Gott erzieht zum Freiheitsgedanken, zu Recht und Menschlichkeit. Das israelitische Volk betonte daher den alten Naturanbetern gegenüber die Gottesidee, der Willkühr gegenüber die Humanität. Das Gleichnis vom Lämmchen veranschaulicht das Leben und Handeln nach N a t u r t r i e b, der wohl beim Tiere, nicht aber beim Menschen herrschend werden darf. Mit der Befreiung Israels hat die Gottesidee über die Tieranbetung, die Menschlichkeit über die Roheit, das Recht über die Gewalt gesiegt. Meiningen. Dr, Dessauer. Herzoglicher Landesrabbiner.

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