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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-04-01 · Heft 4 (1.4.1884) · p. Seite 76

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (1.4.1884)
Date
1884-04-01
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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— 76 — Ein Licht Gottes ist ferner die Weisheit, die klare Einsicht und richtige Erkenntnis. Als Israel aus Aegypten zog, da hatte es bereits eine reiche Erfahrung hinter sich. In der Schule der Leiden war es groß geworden, es hatte da gelernt, wie man die schwerste Heimsuchung, das bitterste Unrecht, die schmählichste Erniedrigung ertragen könne, ohne deshalb seine innere Ruhe und Freudigkeit verlieren, seine geistige Würde und Hoheit aufgeben zu müssen. Das ist nicht jedem gegeben, das will gelernt sein, das kann nur derjenige, der das Licht der Weisheit, die aus Gott stammt, tief in seine Seele verpflanzt hat und in dessen Herzen es strahlet, wie in einem Heiligtum, das zur Ehre Gottes auferbaut ist. Wehe dem, der sich darauf nicht versteht, der von seinem Geschicke sich völlig abhängig macht! der bleibt ewig ein Sklave, er wird von allen beherrscht, nur nicht von sich selbst. Das Rauschen eines fallenden Blattes kann ihn in Schrecken setzen und kommt einmal eine Stunde schwerer Prüfung und harter Heimsuchung an ihn heran, dann bricht er zusammen wie ein Baum, der vom Sturme geknickt wird. Das ist das Bewundernswerte, ja man wäre fast versucht zu sagen, das Beneidenswerte an dem so viel verfolgten und tief niedergedrückten -Israel, daß es inmitten der schwersten Heimsuchung den Lebensmut nicht verloren, die Lebensfreude nicht verlernt hat, daß es, wenn man es noch so sehr erniedrigt hat, doch geistig auf der Höhe geblieben ist, mit den weiterstrebenden Völkern gleichen Schritt gehalten, ja auf der Bahn geistigen Fortschritts ihnen oft weit vorangeeilt ist. Diese Lebensweisheit, dieses unerschütterliche Bewußtsein, daß der Mensch, auch wenn er in Not und Elend schmachtet, noch immer in seinem Gotte sich glücklich fühlen kann und aus dem Quell der Weisheit höhere Wonnen des Geistes und des Herzens ihm Zuströmen, hat Israel erhalten, es alles Leid dulden und ertragen gelehrt mit Ausdauer und mit Freudigkeit, mit des Herzens Hoheit und Ergebung unb in dieser unvergleichlichen Kunst steht es heute noch als der Lehrmeister aller Völker da. Wahrlich! die Schätze des Silbers und Goldes, die unsere Väter aus Aegypten mitgenommen haben, haben wir nicht von ihnen geerbt, aber geerbt haben wir von ihnen den Schatz der Erfahrung, die sie dort im Laufe prüfungsvoller Jahrhunderte erlangt haben, die Erfahrung, daß die Leiden über den Menschen keine Gewalt haben, wenn er nur selbst die Gewalt hat über sich selbst, die Freiheit und Herrschaft in sich selbst. Diese Erfahrung ist uns geblieben und wir sollen sie auch nicht aufgeben, denn nützlich ist sie uns für alle Fälle, ob wir sie brauchen oder nicht. Wenn du an deinem Feste an den gedeckten Tisch dich setzest und da das Brot der Freiheit genießest, dann vergiß nicht daran, daß deine Väter auch manchmal mit der bittern Kost des Elends vorlieb nehmen mußten, denke daran, daß in dem Kreisläufe der Zeiten die Leiden der Vergangenheit, von denen du heute wie von einem verschollenen Mährchen sprichst, wiederkommen können und rüste dich aus mit der Kraft der Geduld und des Gottvertrauens, mit dem Geiste der Weisheit und der Einsicht, der dir einen unverwelklichen Frühling in das Herz legt, ein Stück von der ewigen Jugend des im Lichte Gottes dahinschreitenden Israel. Als ein Licht Gottes, das an dem heutigen Morgen uns aufgegangen ist, erkennen wir endlich auch die Hoffnung. Die Hoffnung ein Licht? werden manche ausrufen, ein Schein, ein Schemen, ein Traum darf sie genannt werden, aber doch nicht ein hellstrahlendes, flammendes Licht. Und sie haben in dem Sinne, in dem sie das meinen, auch völlig Recht. Ja wol! Es liegt nicht in jeder Hoffnung Verständnis und Wahrheit, es giebt falsche, thörichte, unberechtigte

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